ZUKUNFT UND PERSPEKTIVEN DES GLAUBENS
SCHNELLÜBERSICHT ZU DIESER KAPITELSEITE
* Spiritualität und Religiosität können u.U. Glück, Wohlbefinden, Sinnempfinden und moralisches Verhalten von Menschen steigern.
* Eine Vielzahl von Menschen wird sich wahrscheinlich auch in Zukunft zu religiösen, spirituellen und mystischen Ansichten bekennen und ungeachtet aller Widersprüchlichkeit zur naturwissenschaftlichen Befundlage an diesen festhalten.
* Die traditionellen Religionen und ihre zentralen Figuren und Geschichten werden weiterhin entmystifiziert und zunehmend, zumindest jedenfalls in der sog. „westlichen Welt“, noch mehr an Anziehungskraft einbüßen. Dafür wird dort die Gruppe der Mystiker und Esoteriker in der insgesamt schrumpfenden Menge an „Gläubigen“ wachsen.
Glaube und Wissenschaft befinden sich zumeist im krassen Widerspruch zueinander, auch wenn dies manche Menschen gebetsmühlenartig in Abrede stellen (etwa unter Verweis auf irgendwelche einstweilen unzulänglich erklärbaren Phänomene im Bereich der Quantenphysik).
Wenn man die heutige Glaubenslandschaft betrachtet, kann man einen erstaunlichen Effekt erkennen: Auch unter den höher gebildeten Menschen gedeiht der Glaube weiterhin. Dies muss nicht als Problem erachtet werden! Es mag durchaus sein, dass der Glaube an Gott und an eine unsterbliche Seele für das Glücksempfinden vieler Menschen wichtig sind. Und da kein ultimativer, jenseits jeglicher Interpretation befindlicher Gegenbeweis für die etwaige Existenz des Übernatürlichen erbracht werden kann (besser gesagt: aus rein methodischen Gründen nicht definiert werden kann), wäre es durchaus unberechtigt, jemanden das Recht auf Spiritualität abzusprechen oder ihn deshalb als weniger intelligent bezeichnen zu wollen.
Wie funktioniert der Glaube in einer Welt der wachsenden Erkenntnisse in sämtlichen naturwissenschaftlichen Bereichen, insbesondere der Astronomie, Biologie, Anthropologie und Neurologie?! In einer Welt, in der zwischenzeitlich sogar eine „künstliche Intelligenz“ beginnt, allgemeine Merkmale des menschlichen Bewusstseins zumindest in Ansätzen scheinbar glaubhaft zu simulieren?!
Es gibt mehrere Varianten:
Die erste begegnet uns in der Gestalt des Fundamentalismus: Religiöse Fanatiker klammern sich mit kindlichem Eifer an Fabeln, Märchen und Mythen. Wissenschaftliche Fakten interessieren in diesen Kreisen nicht die Bohne, allenfalls dass die Erde eine Kugel ist, wird ggf. noch widerwillig akzeptiert. Diese Fundamentalisten halten an der Tradition der großen monotheistischen Religionen fest und behandeln z.B. die alttestamentlichen Berichte wie historische Tatsachen. Eine Spiritualität jenseits der traditionellen Glaubensinhalte lehnen sie als Aber- oder Götzenglauben ab.
Die zweite Variante ist der Kreationismus:
Dessen Jünger sind ebenfalls Fundamentalisten die strikt an die althergebrachten religiösen Mythen und Erzählungen glauben. Sie gehen sogar einen wesentlichen Schritt weiter! Sie behaupten diese Fabeln wären beweisbar. Die Naturwissenschaften müssten dies eigentlich, wären sie nicht ideologisch indoktriniert und verblendet, sogar bestätigen! Als Teil einer globalen Verschwörung aus Wissenschaft, Staat, Bildungseinrichtungen sowie den Medien argumentieren diese aber zum Nachteil der Religion! Die „Wahrheit“ bleibt nach Meinung der Kreationisten somit auf der Strecke. Ihre „wissenschaftliche Wahrheit“ erzeugen die Kreationisten in Form bizarrer Postulate, in denen sie Mythen und „Wissenschaft“ in mitunter komplexen, aber nicht stichhaltigen Konstrukten miteinander vermengen. Diese Fiktionen richten sich primär gegen den naturwissenschaftlich belegten Evolutionsprozess und werden gegenüber einem naiven Publikum zum Teil sogar relativ erfolgreich vermarktet.
Bei der dritten Gruppe von Gläubigen handelt es sich nicht mehr um Fundamentalisten, sondern „nur“ noch um Traditionalisten. Auch sie gehören einer der drei monotheistischen Weltreligionen an, deren Schriften sie grundsätzlich als verbindlich erachten. Die weniger ernsthaften Traditionalisten begeben sich auf ein zum Teil laizistisches und nihilistisches Terrain. Sie nehmen ihre Religion ernst, aber nicht so ernst, dass jedes Wort der Bibel, der Thora oder des Koran für sie als Wahrheit erachtet würde. Diese Leute können mit dem religiös-wissenschaftlichen Konflikt einigermaßen gut leben! Sie akzeptieren beide Seiten bis zu einem gewissen Grad. Sie erkennen zwar, dass sich manche Dinge extrem widersprechen, verzichten aber bewusst auf eine stärkere Auseinandersetzung mit diesen Widersprüchen. Sie unternehmen (im Gegensatz zu den Kreationisten) keine Versuche, Dinge auf Biegen und Brechen zusammenzufügen, die hinten und vorne nicht zusammenpassen! Sie vertrauen intuitiv darauf, dass die Dinge auf einer höheren Ebene vielleicht doch „irgendwie“ besser zusammenpassen, als es erscheint, oder trösten sich einfach damit, dass wohl zumindest „irgendwas“ an ihrem traditionellen Glauben dran sein könnte.
Die vierte Kategorie von Gläubigen bezeichne ich persönlich als die „wilden Gläubigen“. Sie verschreiben sich der Spiritualität, Mystik und Esoterik, mitunter auch Naturreligionen oder der griechisch- römischen oder keltisch-germanischen Götterwelt, ohne sich auf genaue, geschweige denn dogmatische Inhalte, festzulegen. Die (konkreten) Inhalte sind nicht das, worum es geht – auch wenn Rituale einen hohen Stellenwert haben! Man spricht hier auch vom „individualisierten Polytheismus“.
Der fünfte Zweig der Glaubenskultur ist meiner persönlichen Meinung nach die zukunftsträchtigste Variante: Hier finden sich sehr aufgeschlossene Menschen, die sich durchaus der Konsequenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse bewusst sind. Sie sprechen nicht mehr von Gott als Person, sondern von Gott als einer Art Prinzip, einer Art „Meta-Naturgesetz“. Ein personales Gottwesen, welches z.B. eine Weltkugel in sieben Tagen zusammenbastelt, ein Paradies anlegt, Lehmfiguren knetet und mit Lebensodem versieht, etc. existiert für diese Gruppe an Gläubigen im Prinzip ebenso wenig wie für die Atheisten. Sehr wohl aber ist deren „nicht-personale“ Gottheit etwas Zentrales, Allumfassendes und Mächtiges. Auch „Er“ oder vielmehr „Es“ kann auf eine dem menschlichen Verstand verborgene Art in die Geschicke der Welt eingreifen, für Gerechtigkeit sorgen und sich dem ein oder anderen „würdigen“ Individuum ggf. „offenbaren“ (etwa durch Zubilligung besonderer Eindrücke oder höherer Erkenntnisse).