NEUES TESTAMENT:

JESUS VON NAZARETH

Ein zentrales Motiv aus dem Neuen Testament: Jesus empfängt im Jordan die Taufe von Johannes dem Täufer

SCHNELLÜBERSICHT ZU DIESER KAPITELSEITE

– Die Geschichte von Jesus dem Gottessohn ist eine in üblicher antiker Denkweise verfasste propagandistische Erzählung.

– Die zeitlose Popularität und rasante Ausbreitung der Evangelien beruhen auf hervorragenden Vermarktungsstrategien und beispiellosem Einsatz ihrer frühesten Verbreiter, auf besondere gesellschaftliche und weltpolitische Bedingungen zu Zeiten der frühen Verbreitung sowie auf die mittlerweile zweijahrtausend alte Tradition des christlichen Glaubens!

– Keiner der vier offiziellen Evangelisten hat Jesus je persönlich gesehen oder gekannt!

– Die inhaltlichen Abweichungen zwischen den vier anerkannten Evangelien sind in Bezug auf erhebliche Details durchaus beachtlich!

– Weitere Evangelien wurden von der frühen Kirche aufgrund noch größerer Abweichungen und Widersprüchlichkeiten willkürlich unterschlagen! 

– Die Evangelisten beginnen schon recht bald in ihrer Erzählung zu flunkern! So werden etwa falsche Angaben über Geburtsort und Abstammung von Jesus gemacht, um die Geschichte mit prophetischen Aussagen des Alten Testaments in Übereinstimmung zu bringen!

– Nicht wenige Details aus der Jesus-Geschichte lassen sich in keinen glaubwürdigen Kontext zu bekannten Tatsachen über reale historische Personen und Umstände bringen, die in den Evangelien erwähnt werden! Insbesondere Pontius Pilatus, der römische Präfekt von Judäa, dessen Existenz historisch belegt ist, dürfte weder zu einem 4-Augen-Gespräch mit Jesus bereit (bzw. infolge der Sprachbarriere ohne Übersetzer überhaupt befähigt) gewesen sein, noch jene menschliche Empathie und Umsicht aufgewiesen haben, die ihm die Evangelisten aus strategischen Gründen zuschreiben!

* Es existiert kein totaler Anti-Gottesbeweis (weil ein solcher nicht definierbar ist). Insofern könnte Jesus auch in Eigenschaft als sterblicher Mensch unter göttlicher Inspiration gestanden haben.

DIE EVANGELISTEN

waren keine Zeitzeugen Jesu! Sie haben lediglich Texte verfasst, deren Inhalt bis dato mündlich weitergegeben wurde. Markus, der Verfasser des ältesten Evangeliums, machte sich etwa um das Jahr 70 n. Chr. und somit erst Jahrzehnte nach dem Kreuzestod Jesu ans Werk.

Der späte Beginn einer schriftlichen Berichterstattung ist dem Phänomen der „Parusie-Verzögerung“ geschuldet: Die ersten Christen befanden sich in der festen Überzeugung, das angekündigte Weltende und die Wiederkehr Christi würden sehr bald erfolgen. Jesus selbst äußerst sich gemäß der evangelistischen Darstellung in ebendieser Weise: „……. Wahrlich ich sage euch: Es sind einige unter denen, die hier stehen, die den Tod nicht kosten, bis sie das Gottesreich kommen sehen in Kraft.“ (MK 9,1).

Was den Evangelisten Markus betrifft, könnte er als einziger bedingt dafür in Frage kommen, Jesus persönlich gekannt zu haben. Dies gilt aber als nur gering wahrscheinlich! In seinen Texten jedenfalls ist kein Kondensat eines persönlichen, ungezwungenen Kontaktes feststellbar.

Die Evangelisten sind auch keine neutralen, unabhängigen Berichterstatter! Sie wollen ihre Leserschaft bekehren und betreiben auch mancherlei Aufwand um die Person Jesu spektakulär und vereinnahmend aufzupolieren! So wird etwa der Geburtsort wohlweißlich von Nazareth nach Bethlehem verlegt, um einen Bezug zu alttestamentlichen Prophezeiungen und zur Person des alttestamentarischen König David herzuleiten! Auch an der Ahnenreihe wird aus demselben Grund gefeilt. Die Evangelisten Matthäus und Lukas geben sich diesbezüglich viel Mühe, allerdings in abweichender Form und unter Inkaufnahme der Paradoxie, die Vaterschaft Josephs anzuerkennen!

INHALT DER EVANGELIEN

Der zeitliche Rahmen, in dem die evangelistischen Erzählungen handeln, ist durch Einwebung realer Personen und Ereignisse gut einschätzbar! Beim Abgleich der Erzählinhalte mit historisch erwiesenen Tatsachen aus der Zeit des angeblichen Geschehens stößt man aber auf Merkwürdigkeiten, von denen nachfolgend einige beispielhaft erwähnt sein sollen:

Anlässlich einer römischen Volkszählung (auch in besetzten Gebieten) war der in den Evangelien beschriebene Zwang der Einwohner, ihren jeweiligen Geburtsort aufzusuchen, nicht erforderlich! Ferner war zur Zeit der Geburt Christi nachweislich keine Volkszählung. Die nächste war erst 6 nach Christus. Unter Zugrundelegung dieser Datierung wäre Jesus 10 Jahre jünger gewesen als allgemein angenommen!

Auch das in den Evangelien beschriebene Vier-Augen-Gespräch mit Pontius Pilatus, der im Widerspruch zu den Aussagen der Evangelisten nicht Stadthalter, sondern Präfekt von Judäa war (der Titel des Stadthalters wurde erst im Jahr 50 unserer Zeitrechnung eingeführt) kann als extrem unwahrscheinlich betrachtet werden. Jesus war zum Zeitpunkt seiner Verurteilung ein „normaler Krimineller“ dessen Verfahren kaum die Anwesenheit eines hochrangigen Vertreters des römischen Imperiums erfordert hätte! Niemand konnte erahnen, welche Bedeutung seiner Person posthum beigemessen würde! Ferner sprach Jesus aramäisch und Pilatus Latein, d.h. sie hätten sich nur über einen Dolmetscher unterhalten können.

Überhaupt glaubt man den historisch verbürgten Pontius Pilatus in der biblischen Beschreibung nicht wieder zu erkennen! Er verhandelt mit dem jüdischen Klerus über die von dessen Seite beantragte Hinrichtung des „Gottessohnes“! Laut der Evangelien lässt er sich nur unter enormen Druck und gegen sein Gewissen zum Todesurteil gegen Jesus drängen, den die Juden nicht in eigener Autorität hinrichten dürfen. Das „Druckmittel“ bestand laut der Evangelien in der von jüdischer Seite vorgetragenen Drohung, ihn beim Kaiser wegen Duldung eines selbsternannten „Gottessohnes“ (und somit der Untergrabung der kaiserlichen Autorität) in seiner Provinz anzuschwärzen.

Die Historiker zeichnen ein anderes Bild von Pilatus: Er war wegen seiner Willkür und Grausamkeit verpönt und wird später schließlich neben weiteren Gründen auch deshalb seines Amtes enthoben! Sein Verhalten provozierte und verstärkte nämlich auch den Widerstand der eher gemäßigten und zumindest bedingt zur Kollaboration bereiten jüdischen Gruppierungen (insbesondere der Pharisäer). Todesurteile verhängte er zuhauf, wobei sich seine „Gewissensnot“ wahrscheinlich eher in Grenzen hielt! Als er im Jahre 36 nach Christus durch Vitellius, dem Legaten Syriens, abberufen wird, um sich vor Kaiser Tiberius zu rechtfertigen, lauten zwei der offiziellen Anklagepunkte gegen seine Person „wiederholte Hinrichtungen ohne juristisches Verfahren“ und „konstante Ausübung von extrem leidvoller Grausamkeit“ (Randnotiz: Vorrangig ging es jedoch wohl um Verfehlungen die in den Bereichen Korruption/Veruntreuung anzusiedeln sind)!

Der „Schmusekurs“ der Evangelisten gegenüber seiner Person ist strategisch durchdacht! Es lag nämlich in ihrem Interesse oder vielmehr im Interesse der Verbreitung des Christentums, die besondere Schuld der Juden am Kreuzestod Christi hervorzuheben, die Moral der Römer hingegen aufzuwerten! Schließlich hingen Wohl und Wehe der ersten christlichen Gemeinden nicht zuletzt auch von der Toleranz der römischen Obrigkeit ab. Zudem suchten die frühen Christen auch unter den Römern neue Anhänger zu finden und infiltrierten letztlich auch erfolgreich die römische Gesellschaft.

Nach erfolgtem Kreuzestod Jesu wissen die meisten Evangelisten von unerhörten Phänomenen und Ereignissen zu berichten. Am deutlichsten geschieht dies bei Matthäus! Seiner Darstellung zufolge ereignete sich eine Sonnenfinsternis, ein Erdbeben, der Vorhang des Tempels zerriss und selbst Tote sind reihenweise in Jerusalem auferstanden! „….die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt, gingen nach seiner Auferstehung aus den Gräbern, kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen“ (MT 51-53)!

Die Aussage über weitere Auferstandene („Heilige“), die in der heiligen Stadt vielen Menschen erschienen sein sollen, ist sehr interessant! Zum einen relativiert sie das Außergewöhnliche an der Auferstehung Christi (er war ja somit nur einer unter vielen), zum anderen deutet sie mglw. auf ein psychologisches Massen-Phänomen hin, das sich infolge hartnäckiger Gerüchte um Jesu Auferstehung kurzfristig eingestellt haben könnte (so wie heutzutage bspw. „Ufo-Sichtungen“ zumeist in Serie auftreten)?!  Man beachte auch die exakte evangelistische Formulierung „…und erschienen vielen“! Der Begriff einer Erscheinung deutet allgemein (auch) auf den Bereich der (subjektiven) Wahrnehmung hin. Hätten sich die auferstandenen Heiligen in Jerusalem bspw. Schuhe und Brote gekauft, ihre noch lebenden Angehörige besucht oder sich in irgendeiner Form am öffentlichen Leben beteiligt, könnte man dies viel direkter und einschlägiger ausdrücken.

Johannes hingegen weiß von keinerlei solchem Spuk zu berichten! In seinem Evangelium (allerdings nur in seinem) geht nicht einmal der Vorhang im Tempel hops! Dafür prunkt Johannes mit einer umso höheren Zahl an postmortalen Erscheinungen Jesu, auch vor größerem Publikum!

Trotz der extremen Ereignisse, die sich laut Matthäus beim Kreuzestod zutrugen, zeigten die jüdische Priester-Kaste und der römische Justizapparat keinerlei Reaktion! Keine Revision des Urteils, kein Bedauern über den Justiz-Irrtum!

Stattdessen berichtet Matthäus von einem Fortbestehen des jüdischen Unglaubens. (Nur) in seinem Evangelium wird die Grabstätte Christi von Soldaten bewacht, um einem möglichen Diebstahl der Leiche zwecks Vortäuschung einer Auferstehung vorzubeugen! Diese Maßnahme läuft jedoch gründlich ins Leere! „….denn ein Engel des Herrn stieg von Himmel herab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Sein Aussehen war wie ein Blitz, und sein Gewand war weiß wie Schnee. Aus Furcht vor ihm erbebten die Wächter und waren wie tot (MT 28, 1-4)“.  Der anschließende Augenzeugen-Bericht der Wachen an die Hohepriester schindet erstaunlich wenig Eindruck! Sie erhalten Schweigegeld, verbunden mit der Weisung, fälschlich zu behaupten, die Jünger Jesu hätten sich die Leiche unter den Nagel gerissen, während sie (die Wachen) den Schlaf der Gerechten hielten!

…Die nahmen das Geld und taten, wie man sie angeleitet hatte. So verbreitete sich dieses Gerede unter den Juden bis auf den heutigen Tag
(MT 28,15).

Benehmen sich so Leute, die kurz zuvor Sonnenfinsternis, Erdbeben und auferweckte Tote (in Jerusalem – im Anschluss an die Kreuzigung) gesehen haben und folglich von der möglichen Identität des „Gottessohnes“ hätten überzeugt sein müssen?!

Warum wendet sich die römische Wachmannschaft als Vertreter der Besatzungsmacht fernerhin nach dem Ereignis an die jüdischen Hohepriester, anstatt an ihre Vorgesetzten?

Auf ihnen lastet – sollte Matthäus die Wahrheit schreiben- nicht nur der psychologische Druck, wider besseres Wissen ein Wunder zu leugnen. Ihre schläfrige Inkompetenz hätte für sie vermutlich dramatische, vielleicht tödliche dienstrechtliche Folgen gehabt?!

Unter diesem Gesichtspunkt wären ihnen die zeitnah aufwallenden Gerüchte um eine Auferstehung als Alibi sehr gelegen gekommen! Wer kann schließlich schon was dafür, wenn ein übernatürliches Ereignis die erfolgreiche Bewachung einer Grabkammer vereitelt?

Begegnungen nach der Auferstehung

In den vier anerkannten Evangelien (vielleicht auch in den anderen?) besteht Einigkeit darüber, dass Jesus zunächst Frauen erschienen ist. Ungeachtet einer leicht abweichenden personellen Zusammensetzung zwischen den Evangelien war jedenfalls Maria Magdalena stets dabei, im Johannes-Evangelium kam sie sogar allein zum Grab. Als „Empfangskomitee“ am Grab ist wahlweise von einem Engel (Matthäus), einem Jüngling (Markus), von zwei Männern (Lukas), die am Rande bemerkt in einer späteren Erwähnung nachträglich zu Engeln gemacht werden, oder sogar von Niemandem (Johannes) die Rede. Bei Johannes begibt sich Maria Magdalena auch zweimal zum Grab und wird (erst) beim Zweiten Besuch gebührend von zwei Engeln empfangen. Den eindrucksvollsten Auftritt hatte der Engel bei Matthäus! Unter Zeugenschaft von Maria Magdalena und ihren Begleiterinnen wälzt der Engel dort den die Grabhöhle verschließenden Stein hinweg und lehrt den ebenfalls anwesenden Wachsoldaten, wie oben erwähnt, das Fürchten. In den anderen Evangelien hingegen sitzt oder sitzen der oder die Engel (bzw. der oder die weiß gekleideten Männer) passiv wartend in der bereits geöffneten Grabeshöhle.

Bei den Evangelisten Markus und Lukas erscheint Jesus – ehe er sich einer größeren Gruppe an Jüngern in Jerusalem zeigt – zunächst zwei Jüngern, die sich auf einem Fußmarsch (laut Lukas nach Emmaus) befinden. Diese erkennen ihn erstaunlicherweise jedoch nicht, sei es, weil er „in fremder Gestalt“ (Markus) an sie herantritt oder weil „ihre Augen gehalten waren“ (Lukas). Am Rande bemerkt erkennt ihn auch Maria Magdalena im Johannes-Evangelium am offenen Grabe zunächst nicht, sondern hält ihn für den Gärtner! Er verwickelt also die Jünger in beiden Berichten über den Fußmarsch nach Emmaus in einen theologischen Diskurs, indem er ihnen klarmacht, dass der Mann, der in Jerusalem gekreuzigt wurde, in den heiligen Schriften (Psalmen, Propheten-Texten) bereits nachhaltig erwähnt wird bzw. sich ebendiese Texte vorausgreifend auf den Gekreuzigten beziehen. Erst als sie am Ziel ihres gemeinsamen Weges eine Mahlzeit einnehmen, erkennen ihn die Jünger als ihren Meister, und zwar ausgerechnet als bzw. an der Art, wie er das Brot segnete und brach (nicht etwa an seinem Gesicht, seiner Frisur, seiner Wundmale o.ä.)! Jesus war kein Theologe! Er hatte ein Arsenal an Gleichnissen und nahm manchmal sporadisch Bezug auf die Schriften. Warum bringt er im Angesicht seiner leibhaftigen Auferstehung den im Vergleich „schwächeren Beweis“ seiner Göttlichkeit in Form einer theologischen Schlussfolgerung?

Markus schildert das anschließende Treffen mit den verängstigten und sich in Jerusalem versteckenden Jüngern besonders markant, da ihnen Jesus hier neben dem Missionsauftrag noch ungewöhnlich vollmundige Versprechen mit auf den Weg gibt! „…Als Zeichen aber werden denen, die glauben, diese nebenhergehen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, mit neuen Zungen reden, Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden. Kranken werden sie die Hände auflegen, und diese werden gesund werden“ (MK 16,17-18).

UMSTÄNDE DER ENTSTEHUNG UND VERBREITUNG DER EVANGELIEN

Um die ungeheure Popularität und die Geschwindigkeit, in der die Evangelien verbreitet wurden, zu verstehen, müssen wir einen Blick auf die historischen Rahmenbedingungen zur Zeit ihrer Entstehung werfen. Palästina wurde von den Römern unterjocht und hatte keinerlei Chance, die verhasste Fremdherrschaft abzuschütteln. Es herrschte Endzeitstimmung. Die Menschen waren überwiegend ungebildet, hatten keine Ahnung davon, dass ihr Lebensraum nur einen Teil der gesamten Welt und ihr Konflikt nur eine Fußnote der Weltgeschichte war. Leute vom Schlage Jesus gab es zuhauf! Wetternde Propheten, Verkünder von Apokalypsen, Hysteriker und „Erleuchtete“! Viele Juden erwarteten den Endkampf der guten und bösen Mächte. Ihre alten religiösen Schriften (allen voran die Thora), die zum erheblichen Teil Einzug in das „Alte Testament“ der Bibel finden sollten, deklarieren sie zum „auserwählten Volk“ Gottes. Die römische Dominanz passt denkbar schlecht zu diesem Bild! Die Irritation, die Verzweiflung und der Unmut des Einzelnen müssen furchtbar gewesen sein und jeder Prediger, der etwas von der nahenden göttlichen Gerechtigkeit zu berichten wusste, wurde willig als Sendbote des Himmels wahrgenommen!

 DARSTELLUNGSFORM DER EVANGELIEN

Die Evangelien erscheinen uns auch heute noch spektakulär!

Jungfrauengeburt, Gotteszeugung, Brotvermehrung, wundersame Heilungen und Auferstehung nach erlittenem Kreuzestod sind sehr markante Aussagen!

Tatsächlich aber bewegen sich die Evangelisten in einer für antike Verhältnisse durchaus eher „normalen“ Darstellung und Polemik! Viele antike Helden wurden in ebensolcher Ernsthaftigkeit, unter ebensolcher Voreingenommenheit und Überzeugung der Verfasser mit keineswegs geringeren Fähigkeiten ausgeschmückt!  Auch sie stammen teilweise von Göttern ab, werden von Jungfrauen geboren und auch sie erstehen bisweilen von den Toten auf!

Platon etwa wird vom Gott Apollon gezeugt, das Jungfernhäutchen seiner Mutter ist nach seiner Geburt intakt! Empedokles erweckt einen Verstorbenen wieder zum Leben, Anaxagoras sieht in die Zukunft und Pythagoras erhebt sich ebenfalls von den Toten (wofür er sich allerdings 207 Jahre Zeit lässt und somit den Geschwindigkeitsrekord von Jesus nicht annähernd gefährdet)!

Man sollte den Evangelisten aber nichts Böses unterstellen! Man darf durchaus annehmen, dass sie in uneingeschränkter Vereinnahmung und Überzeugung von den ihnen mündlich zugetragenen Geschichten handelten und wohl keinesfalls vorsätzlich Mythen über Jesus erzeugten!

DIE EVANGELIEN HEUTE

Wir sind es gewohnt, zwischen Berichten über antike Gottheiten, Helden und Philosophen einerseits, und biblischen Berichten (insbesondere den Evangelien) andrerseits rigoros zu unterscheiden! Erste betrachten wir als Fiktion, während Zweite immerhin weiterhin von Milliarden Menschen geglaubt werden! Dabei waren es durchaus „gewöhnliche“ geschichtlich-kulturelle Ursachen, die aus den antiken Göttersagen Fabeln und aus den biblischen Berichten „Glaubenswahrheiten“ werden ließen! Die christlichen Erzählungen traten einen Siegeszug an, der sich über Gruppen, Staaten, Nationen und Weltreiche ausdehnte! Gewisse historische Ereignisse und Rahmenbedingungen begünstigten und beflügelten diese Entwicklung.

Der Mythos um die Person Jesus (der wohl zumindest als sterblicher Mensch real gelebt hat) ist in sich mitnichten derart geschlossen wie man allgemein annimmt! Über Jahrhunderte hinweg wurde an den Evangelien mancherlei kopiert, gekürzt, weggelassen oder verdreht- mit und ohne Vorsatz! Beim Versuch, eine stimmige Geschichte aus den Überlieferungen herauszubilden, mussten harte Konsequenzen gezogen werden! In Bezug auf die Evangelien wurden manche für echt erklärt, andere willkürlich ausgesondert! Sie zählen zu den sog. „Apokryphen“, den inoffiziellen Büchern. Die Berücksichtigung ihrer Inhalte würde die Konstruktion eines schlüssigen Gesamtbildes zu sehr behindern, wenn nicht verunmöglichen!

Aber auch innerhalb der offiziellen „synoptischen“ Evangelien besteht kein wirklicher Mangel an Widersprüchen und Ungereimtheiten. Ferner sind die Evangelien teilweise voneinander abgeschrieben! Lukas und Matthäus verfassten ihre Schriften unabhängig voneinander zu einem späteren Zeitpunkt auf Basis des bereits vorhandenen Markus-Evangeliums und unter Einbeziehung zusätzlicher Überlieferungen!

„BRUDERKRIEG DER JESUS – JÜNGER“

„…..Seht, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“. (MT 28,20)

Wenn wir uns die frühe Apostelgeschichte ansehen, merken wir schnell, dass sich Jesu Jünger trotz solcher Versprechungen und der ausdrücklichen Zusicherung von Hilfe seitens des Heiligen Geistes mit nicht wenigen Zweifeln allein gelassen fühlten! So konnte etwa die Frage, ob sich der Missionsauftrag nun ausschließlich auf die Juden oder ebenso auf die Heiden beziehen sollte, nicht ohne Weiteres beantwortet werden!  Im Matthäus-Evangelium heißt es hierzu einmal: „…Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet nicht eine Stadt der Samariter, geht vielmehr zu den verlorenen Söhnen Israels“ (MT 10,5-6)
und ein anderes Mal hingegen
„... Geht darum hin und macht alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes…„(MT 28,19)

Bei Markus heißt es sogar noch weitreichender: „..Geht hin in alle Welt und verkündet das Evangelium aller Kreatur!“ (MK 16,15)

Wenn der Verfasser (oder Jesus – falls er richtig verstanden und zitiert worden ist) diesen Satz nicht bewusst polemisch überspitzt hat, könnte man hieraus die Aufforderung ableiten, selbst nichtmenschlichen Lebensformen die Heilsbotschaft zu verkünden (was angesichts fehlender höherer Bewusstseins-Funktionen und Sprachfähigkeiten von Tieren nicht sehr zweckmäßig sein dürfte)?!

Auch die Frage, ob bzw. in welchem Umfang sich Jesus im Einklang bzw. im Widerspruch zu den traditionellen jüdischen Gesetzen befand und welche Konsequenzen sich hieraus für die Jüngerschaft ergeben, war schwer zu klären!

Zumindest indirekt ist auch der Tod des ersten christlichen Märtyrers (des heiligen Stephanus) einer innerchristlichen Streitfrage zwischen den aramäisch- und den griechisch-sprachigen Judenchristen der Urgemeinde geschuldet, die sich nicht einigen konnten, ob der Einsatz in Lehre und Predigt zugunsten einer stärkeren Fürsorgeleistung für Arme, Witwen und Waisen ggf. vernachlässigt werden darf.

Im Zuge seiner Schlichtungsversuche erregte Stephanus beiläufig die Aufmerksamkeit und den Zorn des jüdischen hohen Rates, dem Inhalte seiner Reden zugetragen wurden. Auch Stephanus identifizierte Jesus mit dem Erlöser-Messias, den die Juden (bis zum heutigen Tag) erwarten (allerdings nicht in der Person Jesu Christi)! Diese Gotteslästerung brachte ihm den Tod durch Steinigung.

Quellen für Inspiration und Information dieser Themenseite waren:

DAS BIBELRÄTSEL“ von Hans-Christian Huf (Econ Verlag)

WIR BRAUCHEN KEINEN GOTT“ von Michel Onfray (Piper Verlag).