NATÜRLICHER URSPRUNG
UND BEDEUTUNG DER RELIGION
SCHNELLÜBERSICHT ZU DIESER KAPITELSEITE
* Alle menschlichen Kulturen hatten zu allen Zeiten einen Glauben an Götter.
* Aufwändige religiöse Rituale werden ebenfalls seit vermutlich schon 100.000 Jahren praktiziert.
* Religion entspricht gemäß materialistischer Sichtweise einem soziokulturellen Phänomen, mit wichtigen Funktionen für den menschlichen Zusammenhalt innerhalb von Gruppen
* Es gibt sogar einen neurologischen Mechanismus („Gottes-Modul“), der den Menschen für religiöse Empfindungen und Ideen prädestiniert!
* Die ernüchternden Erkenntnisse über mögliche natürliche Ursachen der Religiosität stellen keinen ultimativen Anti-Gottes-Beweis dar.
Warum erfinden die Menschen seit jeher Götter und religiöse Märchen und warum peitschen sie sich selbst zu größten Opfern für die Götter auf?
Eine der trivialsten „Erklärungen“ für die mögliche Entstehung eines Götterglaubens sieht folgendermaßen aus: Unsere urmenschlichen Vorfahren sahen in ihren nächtlichen Träumen verstorbene Verwandte. Ein an sich überaus simpler Sachverhalt der auch uns vertraut ist! Aber woher sollten die Urmenschen wissen, was Träume sind? Sie lebten in der Vorstellung, die Traumwelt sei real und ihre Angehörigen müssten in jener Welt, in die man nur manchmal im Nachtschlaf einen Blick werfen kann, weiterleben. Die Vorstellung einer Seele, die den körperlichenTod unbeschadet überstehen kann, war geboren.
Eine andere Hypothese besagt – ganz vereinfacht ausgedrückt – die Religion entspränge dem Konflikt zwischen menschlichen Plänen und der Realität! Sie ist eine Projektionsfläche für Wunsch- und Größenträume, ein Kompensationsmechanismus für alle Niederlagen und gescheiterten Visionen.
Eine fast schon frivole Hypothese geht von einer gesteigerten sexuellen Anziehungskraft durch religiöse Riten aus! Jemand der Lebensmittel auf einem Altar verbrennt, betreibt eine demonstrative Ressourcen-Vernichtung! Die Botschaft an die Weibchen lautet: „Seht her – ich lebe im Überfluss! Ich kann es mir sogar leisten, Ressourcen zu verschwenden!“
ZEREMONIEN DIENEN ALS KOMMUNIKATIONSMITTEL!
Solches Verhalten erscheint uns grotesk! Es gibt aber plausible Entsprechungen in der Tierwelt! Bei vielen Tieren haben die Männchen auffällige Farben, mit denen sie Weibchen beeindrucken, sich aber auch gegenüber ihren Fressfeinden selbst gefährden. Viele Balz- und Paarungsrituale sind unglaublich energieaufwändig und zehren an den Kräften der Tiere! Begegnet ein Springbock einem Raubtier, nimmt er nicht etwa flugs die Beine in die Hand, um seinen Hintern aus dem Gefahrenbereich zu bekommen! Nein – er „prunkt“, d.h. er springt auf der Stelle wiederholt so hoch in die Luft wie es ihm möglich ist! Die entsprechende Botschaft an den Wolf oder die Raubkatze lautet:“ Schau her welche Sprungkraft ich habe! Miss Dich nicht unnötig an meiner Schnelligkeit – Deine Mühen werden umsonst sein!“ Dem Raubtier wiederum wird somit klar, dass mit Sicherheit kein altes, schwaches oder krankes Tier vor ihm steht und der Aufwand eines Angriffes bzw. einer (vielleicht sinnlosen) Verfolgung zumindest überdacht werden sollte!
DIE THEORIE DER TEUREN RITUALE
Anthropologen sind davon überzeugt, dass Religion ein soziokulturelles Phänomen ist! Sie bietet offensichtlich Vorteile für das Zusammenleben der Menschen! Die Evolution fördert den Glauben an das Übernatürliche!
Jede Kultur, die bisher existierte, glaubte an einen oder mehrere Götter und in jeder Kultur gab und gibt es religiöse Rituale. Wenn wir heute die Verstümmelung weiblicher Geschlechtsteile bei afrikanischen Religionsgemeinschaften sehen oder uns die ultraorthodoxen Juden ansehen, die bei brütender Hitze, in dicke schwarze Gewänder gehüllt, stundenlang betend an der Klagemauer schmachten, so wundern wir uns mitunter, warum sich Menschen so etwas selbst bzw. im erstgenannten Fall ihren Mitmenschen antun können!
Wofür kann dieses Verhalten gut sein?!
Religion festigt den Gruppen-Zusammenhalt. Der Erfolg einer Gruppe liegt umso höher, je mehr Einsatzwillen von seinen Mitgliedern aufgebracht wird. Im Zusammenwirtschaften einer Gemeinschaft tritt aber ein verhaltensökologisches Dilemma zum Vorschein: das Problem der Schnorrer und Schmarotzer! Rituale entsprechen einer Möglichkeit, wie sich eine Gemeinschaft vor Leuten schützen kann, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht und dem Gemeinwohl gegenüber gleichgültig eingestellt sind!
Religiöse Rituale bürgen für die Loyalität gegenüber der Gemeinschaft und machen die Überwachung zunehmend überflüssig! Wenn der Krieger eines Stammes bekundet: „Ich erscheine morgen zur Schlacht gegen unsere Feinde!“, dann kann er dies ernst meinen oder nicht. Bekundet er aber durch schmerzhafte Zeremonien die Identifikation mit der Gruppe und den Glauben an das, wofür sie steht, darf auch sein Kampfeswille als weitaus glaubhafter eingestuft werden!
Je teurer die Rituale, umso mehr gewährleisten sie den Zusammenhalt in der Gruppe.
Das Außergewöhnliche religiöser Praktiken und der damit verbundene Aufwand bedingen den Erfolg der Religion als universelle kulturelle Strategie.
Man könnte fragen, warum nicht „irgendein“ übergeordnetes Sinn-Konzept ausreicht, um eine Gemeinschaft nachhaltig zusammenzuschmieden.
Die Antwort: Übernatürliche Konzepte brennen sich stärker in die Erinnerung ein als weltliche Ideen und werden daher besser überliefert. Der Glaube an übernatürliche Wesen wie Geister und Götter ist von großer Bedeutung für einen andauernden Kooperationswillen.
Ein weiterer Grund, warum die Hingabe an übernatürliche Glaubensinhalte mehr Zusammenhalt erzeugt als weltliche Ideale ist folgender: Glaubenslehren stützen sich auf nicht überprüfbare Thesen, die sich nicht falsifizieren lassen. „Jesus ist Gottes Sohn“ ist weder beweisbar noch widerlegbar. Der von Karl Marx übernommene Gleichheitsansatz ist leichter überprüfbar. Man verteilt Arbeit und Ressourcen und schaut was herauskommt. In der Folge entsteht der Drang nach leistungsbezogener Entlohnung. Die Eigeninteressen der Gemeinschaftsmitglieder werden nach und nach wieder vorrangig.
GOTT IM GEHIRN:
NEUROLOGISCHE URSACHEN FÜR RELIGIOSITÄT
Hirnforscher haben die Angewohnheit uns mit ihren Erkenntnissen zu verblüffen! Eine der phänomenalsten Befunde der letzten Zeit dürfte im Nachweis einer neuronalen Basis für religiöse Erfahrungen bestehen!
Wir scheinen sozusagen genetisch auf Religiosität ausgerichtet zu sein!
Das muss nicht als Anti-Gottes-Beweis gedeutet werden! Ein übernatürlicher Schöpfer könnte ja – bei umgekehrter Argumentation – selbst der Urheber für dieses Modul sein.
Wie auch immer:
Auf dieses sog. „Gottesmodul“ wurde man bei der Untersuchung von Patienten mit Temporallappenepilepsie (kurz: TLE) aufmerksam. Bei der TLE- Erkrankung kommt es zu unkontrollierten Erregungen im Bereich des Schläfenlappens. Dieser hängt anatomisch und funktionell eng mit Hippocampus und Amygdala zusammen.
Bei akuten Anfällen erleben TLE-Patienten spirituelle Visionen. Diese sind für viele Betroffene derart beeindruckend, dass sie sich auch in den Phasen zwischen den Anfällen verstärkt religiös verhalten!
Das limbische System, vor allem die diesem zugehörige Amygdala, beurteilt Sinneseindrücke und Erfahrungen nach Wertigkeit. Zentralen Ereignissen werden emotionale Stempel aufgedrückt, wodurch sie im Gedächtnis besser konserviert und für das Bewusstsein leicht präsent gemacht werden.
Bei gesunden Menschen spricht dieses System bei Experimenten besonders stark etwa auf Bilder von nahen Verwandten, sowie auf Sex- und Gewaltdarstellungen an. Bei TLE-Patienten sind diese Wertigkeiten verändert! Die eben genannten Reize lassen sie kalt, dafür reagiert ihr limbisches System verstärkt auf religiöse Szenen. Mitunter reicht die verbale Nennung des Begriffes „Gott“ für einen Gefühlssturm aus! Hierbei ist eine Intensivierung neuronaler Verschaltungen zwischen den sensorischen Arealen im Temporallappen und des limbischen Systems festzustellen.
Religiöse Rituale kommen dem Gefühlsreichtum des limbischen Systems sehr entgegen! Zeremonien unterscheiden sich von Alltagsabläufen und das Hirn registriert sie als „besonders bedeutend“.
EXPERIMENTE MIT MEDITIERENDEN:
Man hat mittels bildgebender Verfahren (Magnetresonanztomograph) Untersuchungen an meditierenden Menschen gemacht, um der Natur religiöser Erfahrungen nachzuspüren. Zu diesen Erfahrungen oder Empfindungen gehören etwa das Gefühl, Eins zu sein mit dem Universum, das Verschwinden von Grenzen, die Verbindung zu irgendeiner Energie, ein Zustand von Klarheit, Transparenz und Freude und eine tiefe Verbindung zu allem.
Den Probanden wurde eine leicht radioaktive Flüssigkeit injiziert. Dann versuchten sie durch Meditation oder Gebet sich in einen Zustand tiefen religiösen Empfindens zu gelangen (u.a. nahmen Franziskaner-Nonnen am beschriebenen Experiment teil). Wenn die Probanden glaubten, den Zustand religiöser oder meditativer Ekstase erreicht zu haben, zogen sie an einer Schnur und der Tomograph begann sogleich ihre Gehirne nach Regionen zu durchsuchen, die auffallend aktiv oder inaktiv waren!
Das Ergebnis:
Das im Scheitellappen befindliche „Orientierungs-Assoziations-Areal“ (nachfolgend OAA genannt) war besonders inaktiv. Normalerweise vermittelt diese Region eine Empfindung darüber, wo der Körper endet, und die äußere Welt beginnt.
Die Informationsquelle des OAA ist ein interner Wahrnehmungsprozess, den man als Propriozeption (Wahrnehmung von Körperlage und -bewegung im Raum) bezeichnet: An der Propriozeption sind in erster Linie die Tiefensensibilität und das Gleichgewichtsorgan beteiligt: Zahllose Sensoren (Mechanorezeptoren) registrieren Zustand und Zustandsänderungen des Bewegungs- und Haltungsapparats (Muskelspindeln, Sehnenspindeln, Winkelstellung der Gelenke, u.a.). Der Vollständigkeit halber sei die Viszerozeption erwähnt – jener Wahrnehmungsprozess, über den das vegetative Nervensystem dem Hirn Informationen über die Organtätigkeiten übermittelt, auf deren Basis das Hirn wiederum z.B. Hunger- und Müdigkeitsempfinden, den Blutdruck oder die Hormonausschüttung reguliert.
Der linke Teil des OAA vermittelt das Gefühl für die physischen Grenzen des Körpers. Bei magersüchtigen Personen ist dieses Areal häufig funktionsgestört und die Betroffenen nehmen sich selbst als viel schwerer und fülliger wahr, als sie real sind! Der rechte Teil des OAA verarbeitet Informationen über Zeit und Raum, also den Kontext, in dem der Körper agiert. Für seine Berechnung benötigt das OAA ständig Informationen von den Sinnesorganen. Bei tiefer Meditation werden die Sinnesorgane „ausgeblendet“. Die Schläfenlappen erhalten keinen Input mehr. Bleibt das normale „Informations-Futter“ aus, kann der linke Teil des OAA die Grenze zwischen dem Selbst und der Welt nicht mehr definieren. Als Resultat nimmt das Gehirn seinen Besitzer als eng verbunden mit allem und jedem wahr. Durch fehlende Stimulation des rechten OAA verschwindet auch der Bezug zu Raum und Zeit. Infolgedessen entsteht ein Gefühl von Ewigkeit und Endlosigkeit.
Es spielen aber noch weitere Hirnbereiche mit hinein! Der Hippocampus ist eine Art Schleusentor. Er reguliert den neuronalen Informationsfluss zwischen Hirnarealen. Bei tiefer Konzentration auf Objekte, Worte oder Gedanken treibt die starke Beanspruchung anderer Bereiche (etwa des Aufmerksamkeitszentrums) den Hippocampus dazu, den Input zum Scheitellappen abzuschalten. Das Orientierungsareal (OAA) arbeitet aber trotz seiner „Blindheit“ weiter und vermittelt den Eindruck, man löse sich in etwas sehr viel Größerem auf. Die „Gegenwart Gottes“ wird spürbar. Es entsteht das Gefühl der Existenz einer übernatürlichen Macht.
Abschließende Gedanken:
Es ist faszinierend festzustellen, dass uns die Evolution geradezu drängt, metaphysische Vorstellungen und Überzeugungen zu entwickeln.
Die natürliche Veranlagung, an Übernatürliches zu glauben, bestand schon ehe die Kleriker (vormals wohl „Schamanen“, „Medizinmänner“, etc.) die Federn in die Tinte tunkten bzw. Mythen verbalisierten, um diesen vagen Vorstellungen Gesichter und Namen zu verleihen. Erst dann kamen die Menschen ins Spiel, die diese Märchen mit Hingabe und Liebe wie Schwämme in sich aufsogen, sich dabei glücklich fühlten, auf Basis dieser Fabeln ihre Empfindung für die Präsenz des Übernatürlichen verstärkten und so den Nährboden für noch mehr fromme Geschichten bereiteten! Die Menschen schrieben auf, an was sie glaubten, und sie glauben, was sie schrieben! Diese Spirale hat sich selbst verstärkend immer weiterentwickelt.
Anmerkung: Quelle für Inspiration und Information zu diesem Beitrag waren im Wesentlichen folgende Beiträge im Wissenschafts-Magazin „Gehirn & Geist“: „Wo Gott wohnt“ G+G 02/2002; „Vom Eros zum Kleros“ G+G 3/2006; „Teure Rituale“ G+G 1-2/2005 und „Vom Sinn und Nutzen der Religion“ G+G 1-2/2005.