GUT UND BÖSE

WOHER KOMMT DIE MORAL ?

SCHNELLÜBERSICHT ZU DIESER KAPITELSEITE

* Es gibt einen angeborenen Moralsinn, der durch Erziehung und Umwelt gefestigt, oder aber degeneriert werden kann.

* Der angeborene Moralsinn funktioniert bei abstrakten moralischen Entscheidungen nur sehr schwach. 

* Es gibt nachgewiesene neurologische Mechanismen, die bei moralischen Entscheidungen aktiv sind.

* Die Gruppe der spontan gewaltbereiten Menschen mit auffallend niedriger Hemmschwelle weißt eine typische, physikalisch nachweisbare Besonderheit in der Hirnanatomie auf.

DER ANGEBORENE MORALSINN

Die Vorstellung eines angeborenen Moralsinnes überfordert uns im Angesicht einer insgesamt gesehen blutigen Welt vielleicht etwas! Dennoch sprechen viele Befunde für ihn:

– Untersuchungen an gesunden und kranken Gehirnen offenbaren, dass sich ethische Entscheidungen weitestgehend in vier konkreten Regionen des Hirns abspielen. Offenbar wurde ein „Netzwerk der Moral“ evolutionär in die menschliche Hirnanatomie eingeflochten. Bei gesunden Menschen wird es sehr stark von Gefühlen geprägt.

– Weltweit haben Menschen ein identisches Gespür für Fairness, Verantwortung oder Dankbarkeit! Eine absichtliche Körperverletzung wird in allen Kulturen als schlimmer erachtet als eine versehentliche. Bereits Kleinkinder können diesbezüglich unterscheiden!

– Die Rechtssysteme der Nationen beruhen auf ähnlichen Ge- und Verboten.

Entwicklungspsychologen haben die moralische Entwicklung eingehender analysiert. Gewiss- Menschen müssen das Regelwerk der Gesellschaft grundsätzlich erst erlernen. Dies geschieht aber nicht ohne ein internes, moralisches Fundament! Man weiß zwischenzeitlich, dass die Fähigkeit des Sprach-Erwerbes von Kleinkindern auf angeborenen Mechanismen beruht. Analog hierzu trifft dies scheinbar auch auf die Entwicklung des Moral- und Gerechtigkeitsempfindens zu!

Man hat festgestellt, dass bereits Säuglinge ein rudimentäres Gespür für Gut und Böse haben! Zwischen eineinhalb und drei Jahren entwickeln sie grundlegende Besitz- und Eigentumsnormen. Drei- und vierjährige Kinder unterscheiden zwischen absichtlichen und versehentlichen Taten. Ferner differenzieren sie präzise zwischen Moralverletzungen wie etwa Hauen oder Stehlen und sozialen Konventionen. Und Erstklässler schließlich begreifen die goldene Regel „Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem andern zu“ als Grundprinzip menschlichen Miteinanders.

Die urtümliche Moral des Wickelkindes entwickelt immer komplexere Formen! In gewisser Weise wiederholen Kinder im Zeitraffer die Geschichte der Rechtsgebung im Verlauf der menschlichen Zivilisation. Kleinere Kinder finden Rache noch ok. Teenies distanzieren sich eher davon. Man könnte einen Vergleich zur Entwicklung des mittelalterlichen Faustrechts und der Fehde zu den später entstandenen Rechtsordnungen sehen.

Moralische Entscheidungen werden – so die Ergebnisse von Experimenten – sogar unbewusst getroffen! Menschen können oftmals keine rationale Erklärung dafür abgeben, warum sie (bspw. bei einem als „Gleisarbeiter-Dilemma“ bekannten Labor-Experiment) eine moralische Entscheidung fällten und beriefen sich auf ihr Gefühl.

Dem Sinn für Gerechtigkeit haben auch Anthropologen unter urtümlichen Völkern nachgespürt. Hierzu benutzten sie das „Ultimatum Game“: Ein Spieler erhält einen bestimmten Geldbetrag, von dem er nach eigenem Ermessen einem weiteren Spieler etwas abgibt. Dem zweiten Spieler obliegt es darüber zu entscheiden, ob er das Angebot annimmt. Schlägt er es aus bekommt keiner der beiden etwas von dem Geld.

Menschen aus den Industriestaaten einigen sich zumeist auf halbe-halbe, gemäß der gängigen Gerechtigkeitsvorstellung. Bietet der andere nur ein Viertel an, wird das Angebot vom Zweiten ausgeschlagen, trotz dessen Wissens, dass er ebenfalls völlig leer ausgeht.

Bei den Naturvölkern sind die Ergebnisse verschieden, aber nach den jeweils vorherrschenden Vorstellungen ebenfalls gerecht! Stämme in Peru boten oft nur 20 Prozent an und stießen beim Mitspieler dennoch auf Zufriedenheit. Bei ihnen bleiben Familienmitglieder gemeinhin unter sich und teilen kaum mit Fremden. Da ist jemand froh, überhaupt mal was geschenkt zu bekommen.

Bei einem Volk au Papua-Neuguinea führte das Spiel zu anderen Ergebnissen: Hier wurden oft Angebote bis zu 70 Prozent gemacht und unzufrieden abgelehnt. In dieser Kultur steht der soziale Status damit in Verbindung, wie viel man anderen gibt. Großzügige Geschenke erscheinen großkotzig. Sie anzunehmen geht mit der Befürchtung einher, sich revanchieren zu müssen.

Fazit: Fairness findet man überall, nur kann die Definition durchaus verschieden sein!

DIE GRENZEN DES MORAL-SINNES

Man möchte hier vielleicht die Frage einwenden, warum wir überhaupt Polizei, Justiz und Gefängnisse brauchen, wenn jeder Mensch über ein Moral-Programm verfügt!

Hierzu folgendes: Die Existenz eines Moralsinnes allein führt noch nicht zu moralischem Verhalten! Dieser ist kein ultimativ stark ausgeprägter Sinn. Das Empfinden für richtiges und falsches Handeln darf man sich nicht wie eine Gliedmaße vorstellen! Es handelt sich vielmehr um eine angeborene Struktur, die günstiger Bedingungen bedarf, um sich richtig zu entwickeln! Psychologische Mechanismen und Umwelteinflüsse können den Moralsinn leicht überlagern. Zudem funktioniert er nur schlecht bei abstrakten Situationen und er arbeitet auch vor allem im direkten Umfeld und weniger stark in Bezug auf Menschen, die man nicht kennt.

Diese „limitierte“ Wirkungsfunktion des Moralsinnes ist im Kontext zur menschlichen Evolution leicht zu erklären. Die Urmenschen lebten in Sippen, in denen jeder jeden kannte. Gruppen, deren Mitglieder einander unterstützten überstanden vermutlich schwere Krisen besser. Wenn ein Stammesgenosse blutend am Boden lag, konnte das unmittelbare Folgen für das Überleben der Sippschaft haben! Aus diesem Grund haben sich Gefühle wie Selbstlosigkeit und Fürsorge, ein Sinn für Fairness und die Notwendigkeit der Bestrafung von Missetätern auf Dauer tief ins menschliche Hirn eingegraben. Abstrakte Problemstellungen wie wir sie heute kennen (etwa, wenn es um die mögliche Wirkung eines Geldbetrages geht, den man für Menschen in einer Krisenregion spendet) existierten für unsere Vorfahren kaum oder gar nicht.

DAS (UN)MORALISCHE GEHIRN IM LABOR

Der erste gut dokumentierte Fall forensisch-psychiatrischer Beobachtungen erfolgte 1848 in Amerika. Ein Bahn-Bauarbeiter namens Phineas Gage überlebte einen kuriosen Unfall. Bei einer Explosion durchdrang eine Eisenstange mit hoher Geschwindigkeit seinen Kopf! Wider Erwarten überlebte er die Verletzung und erholte sich körperlich weitgehend. Auch sein kognitiver Verstand war hinterher so funktionstüchtig wie vorher! Aber sein Verhalten entwickelte sich katastrophal! Er wurde zu einem jähzornigen, unberechenbaren, pflichtvergessenen Menschen, von dem seine eigenen Verwandten und Bekannten später sagen sollten, er wäre für sie als der Mann, der ihnen vertraut war, nicht wieder zu erkennen. 5 Jahre nach seinem Tod sorgte ein weitsichtiger Arzt für die Exhumierung seines Schädels. Dieser wurde langfristig verwahrt und schließlich 150 Jahre nach seinem Tod vom amerikanischen Hirnforscher-Ehepaar Antonio und Hanna Damasio untersucht. Auch die Stange war noch vorhanden. So konnte man am PC den Schädel mit Hirn simulieren und anhand des „Ein- und Austrittsloches“ nicht nur den Weg der Stange, sondern auch das betroffene Hirnareal identifizieren. Es handelte sich um den vorderen zentralen Teil des Stirnhirns. Heutige Patienten mit Verletzungen und Schädigungen des gleichen Hirnbereiches bestätigen die fatalen Auswirkungen von Gage`s Unfall! Auch sie zeigen überaus ähnliche Änderungen in ihrem Verhalten. Der springende Punkt ist: Die Leute verlieren zum großen Teil ihre Emotionen und sind unerhört distanzlos!

Man hat solche gefühlsblinden Menschen in Tests mit moralischen Dilemmata konfrontiert und die Ergebnisse, mit denen von gesunden Probanden verglichen.

Die Probanden sollten sich bspw. mit folgender angenommener Zwangslage auseinandersetzen: Ein führerloser Zug rast auf fünf Gleisarbeiter zu. Deren Leben könnte man retten, indem man eine Weiche umstellt. Dadurch aber würde der Tod einer einzelnen anderweitigen Person verursacht, die sich auf dem Ausweichgleis befindet. Die Frage lautet, ob man die Weiche umstellen soll.

Die meisten gesunden Menschen befürworten diese Maßnahme zum Nachteil des einzelnen Opfers, und zwar unabhängig von Alter, Geschlecht, Nationalität und Religionszugehörigkeit.

In einem zweiten Szenario lautet die Frage, ob man auch eigenhändig einen dicken Menschen vor den Zug stoßen würde, wenn man davon ausgehen könnte, dass sein Körper den Zug zum Vorteil der fünf potentiellen Todesopfer zum Stillstand brächte. In diesem Fall würden nur 15 % der Befragten Hand anlegen, obwohl es sich moralisch um dasselbe Problem handelt.

Leute mit Hirnschädigungen der soeben angesprochener Art hingegen sprachen sich in diesem Experiment spontan dafür aus, den dicken Mann in den Tod zu schubsen.

Mit Kernspintomographen konnte man die Hirnbereiche ausfindig machen, die bei moralischen Entscheidungen besonders aktiv sind. Ein Defekt in diesen spezifischen Arealen kann dazu führen, dass sich solche Tötungsimpulse ungehindert fortsetzen. Funktioniert es hingegen, entstehen beim gesunden Menschen Empfindungen wie Scham, Mitgefühl und Schuld.

Man hat festgestellt, dass bisher alle untersuchten Menschen, die im Affekt getötet haben, einen reduzieren Stoffwechsel im Frontalhirn aufwiesen. Sie zeichnen sich alle durch sehr große Impulsivität, Jähzorn und emotionaler Instabilität aus. Die Aktivität dieses Hirnareals hemmt normalerweise aggressive Impulse aus dem limbischen System. Bei nicht wenigen untersuchten Totschlägern war sie sogar um 11 bis 14 Prozent kleiner als bei „normalen“ Menschen. Am Rande bemerkt hat die Masse der Mörder in den USA auch einen auffallend niedrigen IQ. Weitere hirnanatomische Auffälligkeiten von Gewalttätern sind u.a. unterschiedlich große Hippocampi in beiden Hirnhälften, wodurch ebenfalls die Verarbeitung von Gefühlen gestört ist. Oftmals arbeitet auch ein spezieller, für die Fähigkeit zur Empathie unerlässlicher Nervenzelltyp – die sog. „Spiegelneurone“ – nicht richtig. Gewalttätige Soziopathen können mitunter selbst den Gesichtsausdruck von Angst und Leid nicht entschlüsseln!

Man muss dem hinzufügen, dass bei klassischen „strategischen Mördern“, die ihre Tat lange im Voraus planen und berechnend vorgehen, weitaus weniger deutliche Korrelate zu hirnanatomischen Besonderheiten feststellbar sind!

Aber die beeindruckenden Zusammenhänge, die man bei soziopathischen Menschen bereits herausgefunden hat, könnten bahnbrechende Perspektiven eröffnen!

Man kann Straffälligkeit annäherungsweise vorhersagen! In den USA hat man 15-jährige Schüler auf Variablen untersucht, die erwiesenermaßen häufig mit gemeingefährlichem Verhalten zusammenhängen. Man zeigte ihnen Bilder die in der Mehrzahl harmlosen Inhaltes waren. Zwischendurch aber erschien mal ein Mordopfer in einer Blutlache, Bilder von schlimmen Unfällen oder Gewaltszenen. Man maß die psychophysischen Reaktionen der Schüler auf die entsprechenden Reize. Tatsächlich wurde später die überwiegende Mehrzahl jener Personen, die beim Test „auffällige“ Reaktionen zeigten, straffällig! Gerade der Typus des klassischen Soziopathen (Anmerkung: Soziopath ist ein moderner Begriff für Psychopath) ist leicht identifizierbar! Theoretisch könnte man schon sehr früh auf ihn einwirken, ggf. auch medikamentös.

Aber auch die Gefährlichkeitsdiagnosen könnten verbessert werden! Man könnte in Zukunft weitaus wahrscheinlichere Prognosen darüber anstellen, wie angemessen eine Sicherungsverwahrung bzw. wie relativ „sicher“ bzw. „unsicher“ die Haftentlassung eines bestimmten Täters für die Gesellschaft wäre!

Man muss hier auch bedenken, dass ein Hirn plastisch ist! Nicht alle Anomalien sind vorgeburtlich erworben und/oder absolut unveränderlich!

Manch ein Leser wird vielleicht einwenden, dass hier ein sehr blauäugiger Materialismus zelebriert wird, wenn man die Hirnanatomie als Ursache des subjektiven Verhaltens betrachtet und die Umwelterfahrungen außer Acht lässt!

Diese können aber in der Tat mitnichten ignoriert werden! Auch die Biografie, die Summe der Erlebnisse und Erfahrungen einer Person finden im Funktionsmuster des Hirns ihren Niederschlag! Kleinkinder aus russischen Waisenhäusern, die in den USA adoptiert wurden, hatten später ein unsicheres Bindungsverhalten, einhergehend mit verändertem Hormon- und Transmitterspiegel, der wiederum in Impulskontrollverlust münden kann (wie etwa bei Amokläufern und Selbstmördern).

Es ist ein alter Hut, dass Veranlagung (Genetik) und Umwelt gleichermaßen in das psychische Milieu hineinspielen! Misshandelte Kinder entwickeln zum Beispiel eher ein asoziales Verhalten, wenn bei ihnen gleichzeitig eine Mutation am Gen für ein bestimmtes Enzym (Monoaminoxidase A) vorliegt, welches wiederum Neurotransmitter abtransportiert, die mit Gewalt in Verbindung gebracht werden!

Randnotiz: Die „Umwelterfahrungen“ eines Menschen beginnen bereits im vorgeburtlichen Entwicklungsstadium! Giftstoffe und Stresshormone im Blutkreislauf der Mutter wirken sich auf diverse Vorgänge bei der Bildung und Verknüpfung von Neuronen und Hirnarealen des Embryos aus! Über die „Epigenetik“ können sich sogar Traumata der Eltern oder Großeltern auf die Proteinsynthese und somit indirekt auf die Psyche eines Individuums auswirken. Darauf soll hier aus Gründen der Umfangsbeschränkung aber nicht weiter eingegangen werden.

DIE ENTSCHLÜSSELUNG DES MORALSINNES

Gravierende Erkenntnisse über den prinzipiellen Mechanismus des moralischen Entscheidungsapparates werden auch durch Untersuchungen an gesunden Probanden gewonnen. Diese Experimente bestätigen auf den ersten Blick zunächst mal nur eine überaus banale Sache, derer sich jeder von uns auch ohne jegliche wissenschaftlichen Hinweise bewusst ist: Bei einem moralischen Entscheidungsprozess ringen Verstand und Emotionen miteinander. Das Spektakuläre an den Kernspin-Untersuchungen liegt aber darin, dass Anzahl, Position und zumindest teilweise auch einiges vom Interaktionsmuster der beteiligten organischen Strukturen ersichtlich wird! Die Versuche sind i.d.R. immer vergleichbar aufgebaut, wie es hier am Beispiel des „Gleisarbeiter-Dilemmas“ dargestellt wurde. Ein weiteres konkretes Beispiel-Szenario für Labor-Untersuchungen ist folgendes fiktives Kriegs-Szenario: Eine Gruppe von Zivilisten versteckt sich in einem Keller. Unter ihnen befindet sich ein schreiendes Baby. Wenn die feindlichen Soldaten den Säugling hören, kommen sie rein und erschießen alle. Würde die Mutter aber ihr Kind ersticken, fände der Feind die Gruppe nicht. Man sieht während der Topographen-Untersuchung regelrecht, wie verstandes- und gefühlsgenerierende Hirnareale im Clinch miteinander liegen! Und man erkennt, dass moralische Entscheidungen ohne Emotionen im Prinzip nicht möglich sind! Die Beteiligung der Gefühle ist scheinbar eine evolutionär bedingte Sache!

Hierzu zwei weitere interessante Experimente:

Im ersten Szenario sieht ein Autofahrer einen übel am Bein verletzten Fußgänger am Straßenrand. Das Bein wäre zu retten, wenn er ihn schnell ins Krankenhaus fahren würde. Dann aber wären die 200 Euro teuren Ledersitze in seinem Auto ruiniert! Die allermeisten Menschen finden es unmoralisch, dem blutenden Verletzten nicht zu helfen!

Im zweiten Szenario bittet eine überaus glaubwürdige Spendenorganisation um 200 Euro, um den Hungertod einiger Menschen in einem Entwicklungsland zu verhindern. Hier finden es die meisten Probanden OK, nichts zu geben!

Während sich die Probanden im ersten Szenario über den verletzten Fußgänger Gedanken machten, waren ihre Hirnareale für Emotionen und soziale Kognition äußerst aktiv! Im zweiten Szenario hingegen nicht, wie der Kernspintomograph belegt!

Dieses Beispiel bestätigt die Erkenntnis, dass der Moralsinn bei abstrakten Situationen nicht mehr gut greift.

DER URSPRUNG DER MORAL

Manche Forscher glauben die Ursache für den menschlichen Moralsinn gefunden zu haben. Des Rätsels Lösung liegt ihrer Meinung nach in den sog. „Spiegelneuronen“. Dieser Nervenzelltyp ist bspw. aktiv, wenn wir jemanden bei der Ausführung einer bestimmten Handlung beobachten. Wenn ich jemanden zuschaue, der eine Tasse in die Hand nimmt, simulieren die Spiegelneurone in meinem Hirn denselben Vorgang bzw. das entsprechende Aktivitätsmuster. Dieses Aktivitätsmuster wird nicht an den motorischen Cortex weitergegeben, ansonsten würden wir unablässig Simultanbewegungen ausüben, wenn wir Leute bei irgendwelchen Handlungen beobachten! Jedenfalls könnten die Spiegelneurone die Ursache für Mitgefühl sein, weil sie uns dazu befähigen, Empfindungen eines Gegenübers (etwa erkennbar am Gesichtsausdruck) im eigenen Kopf ablaufen zu lassen.

Hinweis: Quelle für Inspiration und Information zum obigen Text stammen zum wesentlichen Teil aus einem Titel-Thema des Magazins „Der Spiegel“ Nr. 31 vom Juli 2007  („Das Böse im Guten“; Untertitel: „Die Biologie von Moral und Unmoral“).

Gut und Böse sind nicht immer und jederzeit klar objektivierbare Begriffe! Sie stellen (auch) Werturteile dar, die mitunter sogar ihrerseits bösartig sein können!

Das Schauspiel von „Gut und Böse“ vollzieht sich innerhalb verschiedener Ebenen:

EBENE 1: WILLENSFREIHEIT UND DETERMINATION

Die große Diskussion über die (Nicht)-existenz des freien Willens soll hier bewusst ausgeklammert werden! Es gibt bis auf Weiteres auch keinen Grund, diesbezüglich irgendeine Ansicht auf die Spitze zu treiben! Vermutlich liegt die Wahrheit, wie so oft, auch hier wischen den Extremen! Der freie Wille ist – wie auch das Phänomen unseres eigenen SELBST – keine unveränderliche Instanz der Psyche, sondern ein mentales Phänomen, das in Abhängigkeit zu vielen inneren und äußeren Faktoren und Bedingungen unterschiedlich stark ausgeprägt ist!

Faktoren wie Hunger, Durst, Müdigkeit, Schmerzen, äußere Reizsituation (ggf. Reizüberflutung) etc. bestimmen wie aufmerksam ich bin, wie bewusst ich auf Reize reagiere bzw. welche von vielen zeitgleich einströmenden Reizen ich überhaupt selektiv wahrnehme und wie „bewusst“ oder „willensstark“ meine Entscheidungen sind!

Als Menschen leben wir in der Vorstellung, uneingeschränkt der „Herr im eigenen Haus“ zu sein. Das ist aber zumindest teilweise ein Irrtum! Sehen wir uns mal kurz das Gedächtnis an. Es ist bekannt, dass die menschliche Erinnerung viel ungenauer arbeitet als man subjektiv glaubt! Es gibt dazu sehr erstaunliche und gesicherte experimentelle Daten und Befunde! Wenn ich mich bspw. an die Feier anlässlich meines 18.Geburtstages zurückerinnere, tauchen zwar Bilder vor meinem geistigen Auge auf! Die Details können aber längst verfälscht und verfremdet sein! Wir erinnern uns nicht (exakt) so an die Dinge, wie sie tatsächlich geschehen sind, sondern „konstruieren“ unbewusst das zusammen, was aus unserer jetzigen Perspektive als plausibel oder naheliegend erscheint!

Aber auch unser Verhalten wird gewaltig von unbewussten Strömungen (mit)bestimmt! Weist man einen Menschen unter Hypnose an, zu einer bestimmten Uhrzeit das Fenster in seinem Büro zu öffnen, wird er dies zum betreffenden Zeitpunkt auch tun! Fragt man ihn während der Handlungsausführung aber nach dem Grund, so wird er mit irgendeiner spontanen Antwort reagieren, etwa „Es ist so warm im Zimmer“ (egal wie hoch die Raumtemperatur tatsächlich ist)! Die wahre Ursache ist ihm nicht bekannt und sein Unterbewusstsein reagiert auf diese Verlegenheit mit einer spontanen Erfindung!

Auch Experimente mit „Split-Brain-Patienten“ führen uns die Macht des Unterbewusstseins vor Augen, dem unsere Intentionen und Motive entspringen! Ein Split-Brain-Patient ist ein Mensch, dem aufgrund häufiger, schwerer und unzulänglich behandelbarer epileptischer Anfälle der sog. „Hirnbalken“ operativ durchtrennt wurde, der die beiden Hirnhälften (Hemisphären) miteinander verbindet.

Die beiden Hirnhälften haben verschiedene Aufgabenschwerpunkte! Sprachsteuerung bspw. ist in der linken Hälfte angesiedelt, Sprachverständnis in der Rechten. Außerdem sendet jedes Auge den Sinnesinput in die jeweils gegenüberliegende Hemisphäre. Zudem steuern linke und rechte Hirnhälfte die jeweils gegenüberliegende Körperseite.

Da der Informationsaustausch zwischen den Hemisphären bei Split-Brain-Patienten nicht mehr funktioniert, ist es möglich, bspw. der rechten Hirnhälfte Bilder oder Befehle zu zeigen, ohne dass die linke etwas davon mitbekommt.

Wird nun der Befehl „Gehen Sie!“ in die rechte Hirnhälfte projiziert, stehen die Patienten auf und gehen. Auf die Frage, wohin sie den plötzlich wollen, geben die Betroffenen spontane Antworten wie „Ich wollte mir gerade eine Cola holen.“ Die Antwort muss von der linken Hirnhälfte kommen, denn nur sie kann sprechen! Die rechte Hälfte kennt den wahren Grund, kann aber die linke Hälfte darüber nicht in Kenntnis setzen. Diese wiederum erfindet einen ihr plausibel erscheinenden Grund (anstatt anzugeben keinen Grund zu kennen).

Ich beende die Überlegungen an dieser Stelle mit der trivialen und weitgehend etablierten Aussage, dass der freie Wille durchaus existiert, jedoch nicht in dem Umfang, wie man allgemein annimmt. Bei komplexeren Handlungen (etwa der Planung und Ausführung eines Mordes) mit vielen, der Reflexion bedürftigen Teilzielen und Zwischenschritten (Opfer ausspähen, Zugriff planen, Tatwaffe wählen, Leiche verschwinden lassen, anderweitige Spuren verwischen,…) kommen die für Willensentscheidungen relevanten neuronalen Faktoren sicher eher zum Tragen, als bei einer spontanen, kurzfristigen Handlungssequenz (etwa der spontanen Auswahl zwischen Kaffee oder Tee) für die kein Meta-Konzept und kein mentales Durchspielen von Szenarien und Perspektiven benötigt wird.

EBENE 2: ABSICHT UND WIRKUNG

In welchem Umfang ist sich der Täter darüber im Klaren, was er anrichtet? Ist er zur Empathie befähigt? Bzw. würde er in diesem Fall von einer Tatausführung absehen?

Ein Extrembeispiel: Ein minderjähriger „Lausbube“ erschreckt die ihm verhasste Hausmeisterin mit einer harmlosen Knallerbse. Er strebt damit keinerlei nachhaltige Wirkung an. Das Opfer jedoch stürzt vor Schreck im Treppenhaus, verletzt sich schwer an der Wirbelsäule und ist fortan querschnittsgelähmt. Ohne Vorsatz wurde hier eine sehr grausame Wirkung erzielt!

Fall 2: Ein Mörder mit eiskaltem Tötungswillen schießt mit einem Scharfschützen-Gewehr aus größerer Entfernung hinterrücks auf sein Opfer, trifft aber versehentlich daneben.

Welcher ist der „bösartigere“ (oder „verachtenswertere“) Mensch? – Derjenige, der die bösere Absicht hegt oder derjenige, der die schlimmere Wirkung erzielt? In Bezug auf diese genannten Beispiele erscheint uns die Beurteilung einfach. Wie würden wir die Sachverhalte aber moralisch bewerten, wenn wir wüssten, dass sich der Lausejunge über den von ihm „zufällig“ angerichteten Schaden mit schelmischer Süffisanz freuen, der verhinderte Todesschütze sich hingegen mit Schuldgefühlen und Suizidgedanken herumquälen würde?

EBENE 3: KONTEXT UND UMFELD, GRUPPEN-VERHALTEN

Zwischenmenschliche Interaktionen sind keine Einbahnstraßen! Wir alle interagieren infolge konkreter Wahrnehmungen, erinnerter Erfahrungen, richtiger oder falscher Einschätzungen und (Vor)urteilen auf verschiedensten Bewusstseinsebenen mit unserer Umwelt und werden auch ebenso von unserem Umfeld beeinflusst. Das „bösartige Verhalten“ eines Individuums kann aus dessen subjektiver Perspektive heraus auch einer Strategie der Verteidigung und der Angstvermeidung entsprechen, wenn es sich in einem (real oder vermeintlich) feindseligen Umfeld befindet. Überhaupt hat unser persönliches Verhalten viel mit „Rollen“ zu tun! Jemand kann sich gegenüber seiner Familie völlig anders verhalten als gegenüber Freunden oder Arbeitskollegen! Mitunter sind diese Rollenspiele auch überaus notwendig.

Menschliches Verhalten kann sich auch sehr stark in Abhängigkeit davon verändern, ob jemand allein ist oder sich in einer Gruppe befindet! Innerhalb der Gruppe können sich Emotionen und Verhaltensweisen auch zu Formen und Ausdrucksweisen hochschaukeln, die andernfalls für gewöhnlich nicht zustande kämen. Man beachte etwa, wie häufig bei Fällen lebensgefährlicher oder tödlicher Körperverletzung mehrere Täter beteiligt sind und wie relativ selten solche Delikte (in dieser Härte) von einem Einzeltäter ausgeführt werden.

EBENE 4: GESELLSCHAFTLICHE UND KULTURELLE BEWERTUNG

Das Rechts- und Unrechtsempfinden hat weltweit, kultur- und religionsübergreifend sehr universelle Übereinstimmungen! Gewalttägige und sexuelle Übergriffe gegen Kinder bspw. werden überall als sehr schwerwiegende Verstöße erachtet, abstrakte Eigentumsdelikte, wenn sie nicht gegen konkrete Personen gerichtet sind (etwa ein Bankraub oder ein Versicherungsbetrug), werden als eher „gering verwerflich“ erachtet.

Natürlich existieren aber auch kulturelle Unterschiede und Besonderheiten bei der moralischen Bewertung mancher Angelegenheiten: Ein Stierkampf, der in bestimmten Gegenden Spaniens und für manche „Kulturbegeisterte“ immer noch sehr populär ist, erscheint den meisten von uns als sinnlose Tierquälerei. Dem gegenüber sehen wir aber gewohnheitsmäßig über das mannigfache Elend hinweg, das sich im Zuge z.T. staatlich subventionierter Lebendtiertransporte unter widrigsten Bedingungen (Wasser-, Nahrungs-, Platzmangel, gewalttägige Behandlung beim Verladen in bzw. aus Schiffen und Lastwagen, etc.) ergibt! Jeder von uns könnte theoretisch durch sein Konsumverhalten dazu beitragen, dies zu ändern! Aber im Einkaufswagen landen zuletzt dann doch wieder die Steaks mit dem niedrigsten Preis?!

DIE MORAL IM SPANNUNGSFELD VON WAHRNEHMUNG UND MISSBRAUCH

Moral oder prinzipiell die Bipolarität menschlichen Verhaltens (Gut & Böse) sind mitnichten rein objektive Begriffe!

Es gibt viele Spielarten und Manipulationen, mitunter auch perfiden Missbrauch einer scheinbaren Moral!

Der „Volksgerichtshof“ der Nazis hat nach eigenem und wohl auch nach zeitgenössischem Mehrheitsverständnis ebenso „Recht gesprochen“ wie die spanische Inquisition oder die Hexenkommissare der Frühneuzeit, denen zufolge der „Gerechtigkeit zu Genüge getan“ war, wenn Menschen unter abartigen Foltermetoden hanebüchene Geständnisse über teils unmögliche Tatvorgänge (Hexerei, Schadenzauber, Teufelsbuhlschaft, etc.) aussprachen und daraufhin hingerichtet wurden!

Randnotiz: die spanische Inquisition hatte entgegen weit verbreiteter Meinung mit den eigentlichen Hexenprozessen tatsächlich sehr wenig bis fast überhaupt nichts zu tun! Ihr zentrales Feindbild waren zum Christentum konvertierte Juden, von denen man annahm, sie würden im Geheimen an ihrer „falschen Religion“ festhalten!

Wir kennen den Begriff der Pseudo-Moral. Darunter versteht man eine fadenscheinige, scheinheilige Moral, die dazu dient, einen ungerechten, falschen oder überspitzten Vorwurf zu generieren, aufzubauschen und Härte gegen einen „Schuldigen“ zu legitimieren, der im Gegenzug falsch etikettiert wird.

In diesem Kontext liegen auch die Begriffe des „Social Labeling“, also einer (negativen) Rollen-Zuschreibung und des „Gaslighting“ (jemanden Schuldgefühle einzureden). Letztlich geht es um Manipulation, um die Schwächung einer anderen Person unter dem Vorwand einer angeblich gerechten und gebotenen moralischen Disqualifikation oder Bestrafung!

MORAL: VOM HIMMEL GEFALLEN?

Ist die Religion eine zentrale Bedingung für moralisches Verhalten? Scheinbar nicht! Es gibt, wie hier bereits umfangreich erörtert, offensichtlich ein biologisch-neuronales „Moralprogramm“ und auch eine religionsunabhängige gesellschaftliche Tendenz, moralische Gebote zu formulieren und deren Einhaltung zu überwachen und Verstöße zu sanktionieren.

Selbstverständlich können religiöse Vorstellungen das moralische Empfinden und Verhalten, die Selbstkontrolle und Selbstdisziplin von Menschen sehr wohl erhöhen! Wer sich von einem allmächtigen übernatürlichen Gottwesen vollständig wahrgenommen, beobachtet und bewertet wähnt und von einer unausweichlichen, jenseitigen Konfrontation mit dem Substrat seiner Handlungen ausgeht, hat gegenüber jemanden, der „nur“ gesellschaftliche Ächtung und staatliche Strafverfolgung fürchtet, natürlich einen zusätzlichen (eigentlich sogar ultimativen) Grund, seine Handlungen stets zu überdenken!  Andrerseits begehen religiös verblendete Fanatiker, wenn auch durch eigene Sinndeutung vom Gegenteil überzeugt, sehr verächtliche Taten, womöglich sogar mit frommen Floskeln auf den Lippen?!

ABSCHLIESSENDE WORTE

Das ewige Schauspiel von Gut und Böse wird die Menschheit bis zum Ende ihrer Existenz herausfordern! Die Gesellschaften werden stets gezwungen sein, das rechte Maß an Definition und Bewertung, Kontrolle, Sanktion, Bewährung und Rehabilitation zu finden, um die fragile Zone einer lebensbejahenden Moral im Spannungsfeld von Gut und Böse „nach unten“ gegen das anarchische Chaos und „nach oben“ gegen die menschenverachtende Pseudomoral eines totalen (und seine Machtfülle über kurz oder lang missbrauchenden) Überwachungsstaates abzugrenzen!