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NEUES TESTAMENT:
JESUS VON NAZARETH

 

SCHNELLÜBERSICHT ZU DIESER KAPITELSEITE

- Die Geschichte von Jesus dem Gottessohn ist weder glaubwürdiger noch inhaltlich spektakulärer als viele andere Überlieferungen antiker Religionen! Sie ist vielmehr eine in üblicher antiker Denkweise verfasste propagandistische Erzählung.
 

- Die zeitlose Popularität und rasante Ausbreitung der Evangelien beruhen auf hervorragenden Vermarktungsstrategien und beispiellosem Einsatz ihrer frühesten Verbreiter, auf besondere gesellschaftliche und weltpolitische Bedingungen zu Zeiten der frühen Verbreitung sowie auf die mittlerweile zweijahrtausend alte Tradition des christlichen Glaubens!

- Keiner der vier offiziellen Evangelisten hat Jesus je persönlich gesehen oder gekannt!

- Die inhaltlichen Abweichungen zwischen den vier anerkannten Evangelien sind in Bezug auf erhebliche Details durchaus bedeutend!

- Weitere Evangelien wurden von der frühen Kirche aufgrund noch größerer Abweichungen und Unstimmigkeiten willkürlich unterschlagen! 

- Die Evangelisten beginnen schon recht bald in ihrer Erzählung zu flunkern! So werden etwa falsche Angaben über Geburtsort und Abstammung von Jesus gemacht, um die Geschichte mit prophetischen Aussagen des alten Testaments in Übereinstimmung zu bringen!

- Nicht wenige Details aus der Jesus-Geschichte lassen sich in keinen glaubwürdigen Kontext zu bekannten Tatsachen über reale historische Personen und Umstände bringen, die in den Evangelien erwähnt werden! Insbesondere Pontius Pilatus, der römische Präfekt von Judäa, dessen Existenz historisch belegt ist, dürfte weder zu einem 4-Augen-Gespräch mit Jesus bereit (bzw. infolge der Sprachbarriere ohne Übersetzer überhaupt befähigt) gewesen sein, noch über jene menschliche Bedachtheit und Umsicht verfügt haben, die ihm die Evangelisten aus einem strategisch zweckmäßigen Grund zuschreiben!

* Es gibt trotz aller Unwahrscheinlichkeit keinen totalen Beweiß gegen eine mögliche Existenz Gottes. Insofern könnte Jesus auch als Sterblicher unter göttlicher Inspiration gestanden haben.

 Ich kann keine Garantie dafür übernehmen, die Quellen auf die ich mich stütze (am Schluß genannt) in jeder meiner Aussagen korrekt und ohne inhaltliche Fehler wiederzugeben, zumal i.d.R. nicht zitiere. Ferner bringe ich in diesem Kapitel auch (als solche ersichtliche) eigene Gedanken mit ein, für deren objektive Qualität ich ungeachtet höchster Ansprüche an die eigenen Bemühungen nicht uneingeschränkt bürgen kann!

 

DIE EVANGELISTEN

waren keine Zeitzeugen Jesu! Sie haben lediglich Texte verfasst, deren Inhalt bis Dato mündlich weitergegeben wurde. Markus, der Verfasser des ältesten Evangeliums, machte sich etwa um das Jahr 70 n.Chr. und somit erst Jahrzehnte nach dem Kreuzestod Jesu ans Werk.

Der späte Beginn einer jeglichen schriftlichen Berichterstattung ist dem Phänomen der "Parusie-Verzögerung" geschuldet: Die ersten Christen befanden sich in der festen Überzeugung, das angekündigte Weltende und die Wiederkehr Christi würden in geringer zeitlicher Distanz erfolgen. Jesus selbst äußerst sich gemäß der evangelistischen Darstellung in ebendieser Weise: "....... Wahrlich ich sage euch: Es sind einige unter denen, die hier stehen, die den Tod nicht kosten, bis sie das Gottesreich kommen sehen in Kraft." (MK 9,1).

 

Was den Evangelisten Markus betrifft, könnte er als einziger bedingt dafür in Frage kommen, Jesus vielleicht doch persönlich gekannt zu haben. Dies gilt aber als nur gering wahrscheinlich! In seinen Texten jedenfalls ist kein Kondensat eines persönlichen, ungezwungenen Kontaktes feststellbar.

Die Evangelisten sind auch bei Weitem keine neutralen, unabhängigen Berichterstatter! Sie wollen ihre Leserschaft bekehren und betreiben auch mancherlei Aufwand um die Person Jesu spektakulär und vereinnahmend aufzupolieren! So wird etwa der Geburtsort wohlweißlich von Nazareth nach Betlehem verlegt um einen Bezug zu alttestamentlichen Prophezeiungen und zur Person des alttestamentarischen König David herzuleiten! Auch an der Ahnenreihe wird aus demselben Grund gefeilt. Die Evangelisten Matthäus und Lukas geben sich diesbezüglich viel Mühe, allerdings in abweichender Form und unter Inkaufnahme der Pradoxie, die Vaterschaft Josephs anzuerkennen!

 

INHALT DER EVANGELIEN

Der zeitliche Rahmen in dem die evangelistischen Erzählungen handeln ist durch Einwebung realer Personen und Ereignisse gut einschätzbar! Beim Abgleich der Erzählinhalte mit historisch erwiesenen Tatsachen aus der Zeit des angeblichen Geschehens stößt man aber auf befremdliche Besonderheiten, von denen nachfolgend einige beispielhaft aufgezählt werden sollen:

Anlässlich einer römischen Volkszählung (auch in besetzten Gebieten) war der in den Evangelien beschriebene Aufwand der Einwohnder, ihren jeweiligen Geburtsort aufzusuchen, nicht erforderlich! Ferner war zur Zeit der Geburt Christi nachweislich keine Volkszählung. Die nächste war erst 6 nach Christus. Unter Zugrundelegung dieser Datierung wäre Jesus 10 Jahre jünger gewesen als allgemein angenommen! 

Auch das in den Evangelien beschriebene Vier-Augen-Gespräch mit Pontius Pilatus, der im Widerspruch zu den Aussagen der Evangelisten nicht Stadthalter, sondern Präfekt von Judäa war (der Titel des Stadthalters wurde erst im Jahr 50 unserer Zeitrechnung eingeführt)  kann als extrem unwahrscheinlich betrachtet werden. Jesus war zum Zeitpunkt seiner Verurteilung ein "normaler Krimineller" dessen Verfahren schwerlich die Anwesenheit eines hochrangigen Vertreters des römischen Reiches erfordert hätte! Niemand konnte erahnen, welche Bedeutung seiner Person posthum beigemessen würde! Ferner sprach Jesus aramäisch und Pilatus Latein, d.h. sie hätten sich nur über einen Dolmetscher unterhalten können.

Überhaupt glaubt man den historisch verbürgten Pontius Pilatus in der biblischen Beschreibung nicht wiederzuerkennen! Er verhandelt mit dem jüdischen Klerus über die von dessen Seite beantragte Hinrichtung des "Gottessohnes"! Laut der Evangelien lässt er sich nur unter enormen Druck trotz heftigster Gewissensbisse zum Todesurteil gegen Jesus Christus breitschlagen, den die Juden nicht in eigener Autorität hinrichten dürfen. Das "Druckmittel" bestand am Rande bemerkt laut der Evangelien in der jüdischen Drohung, ihn beim Kaiser anzuschwärzen, weil er einen selbsternannten "Gottessohn" in seiner Provinz duldet, und somit die göttliche Autorität des römischen Kaisers indirekt infrage stellt.

Die Historiker zeichnen ein ganz anderes Bild von Pilatus: Er war wegen seiner Willkür und Grausamkeit verpönt und wird später schließlich neben weiteren Gründen auch deshalb seines Amtes enthoben! Sein Verhalten erweckte und verstärkte nämlich auch den Widerstandswillen der eher gemäßigten und zumindest bedingt kooperationswilligen jüdischen Gruppierungen (insbesondere der Pharisäer). Todesurteile verhängte er zuhauf wobei sich seine "Gewissensnot" wahrscheinlich in Grenzen hielt! Als er im Jahre 36 nach Christus durch Vitellius, dem Legaten Syriens, abberufen wird um sich vor Kaiser Tiberius zu rechtfertigen, lauten zwei der offiziellen Anklagepunkte gegen seine Person "wiederholte Hinrichtungen ohne juristisches Verfahren" und "konstante Ausübung von extrem leidvoller Grausamkeit" (Randnotiz: Vorrangig ging es aber wohl um Verfehlungen die in den Bereichen der Korruption/Veruntreuung anzusiedeln sind)! Diese Fakten und seine bodenlose Arroganz  lassen es als extrem zweifelhaft erscheinen, das er sich jemals von jüdischen Klerikern unter Druck setzen ließ!

Der "Schmusekurs" der Evangelisten gegenüber Pilatus ist strategisch durchdacht! Es liegt ihnen nämlich am Herzen, die besondere Schuld der Juden am Kreuzestod Christi hervorzuheben, während sie den Römern im Allgemeinen zu schmeicheln belieben! Schließlich hing das Wohl und Wehe der ersten christlichen Gemeinden auch von der Toleranz und einem etwaigen Verfolgungswillen der römischen Obrigkeit ab. Ferner suchten sie auch unter den Römern neue Anhänger und infiltrierten letztlich auch erfolgreich die römische Gesellschaft.

Nach erfolgtem Kreuzestod Jesu wissen die meisten Evangelisten von unerhörten Phänomenen und Ereignissen zu berichten. Am Deutlichsten geschieht dies bei Mattäus! Seiner Darstellung zufolge ereignete sich eine Sonnenfinsternis, ein Erdbeben, der Vorhang des Tempels zerriss und selbst Tote sind reihenweise in Jerusalem auferstanden! "....die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt, gingen nach seiner Auferstehung aus den Gräbern, kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen" (MT 51-53)

Die Aussage über weitere Auferstehungen von "Heiligen, die entschlafen waren" und anschließend in der heiligen Stadt vielen erschienen, ist sehr interessant:  Zum Einen relativiert sie das Außergewöhnliche an der Auferstehung Christi (er war ja somit nur einer von vielen), zum Anderen deutet sie mglw. auf ein psychologisches Massen-Phänomen hin, das sich infolge hartnäckiger Gerüchte um Jesu Auferstehung kurzfristig eingestellt haben könnte (so wie heutzutage bspw. "Ufo-Sichtungen" zumeist in Serie auftreten, wenn erst mal wer damit anfängt)?!  Man beachte auch die exakte evangelistische Formulierung "...und erschienen vielen"! Der Begriff einer Erscheinung deutet immer auch auf den Bereich der (subjektiven) Wahrnehmung von Personen hin. Hätten sich die auferstandenen Heiligen in Jerusalem bspw. Schuhe und Brote gekauft, ihre Angehörigen besucht oder sich in irgendeiner Form am öffentlichen Leben beteiligt, könnte man dies viel direkter mit weitaus objektiveren Formulierungen ausdrücken.

Johannes hingegen weiß von keinerlei solchem Spuk zu berichten! In seinem Evangelium (nur in seinem) geht nicht mal der Vorhang im Tempel hops! Dafür prunkt Johannes mit einer umso höheren Zahl an postmortalen Erscheinungen Jesu, auch vor größerem Publikum!

Trotz der extremen Ereignisse die sich laut Mattäus beim Kreuzestod zutrugen, zeigten die jüdische Priester-Kaste und der römische Justizapparat keinerlei Reaktion! Keine Revision des Urteils, kein Bedauern über den Justiz-Irrtum!

Statt dessen berichtet Mattäus von einem Fortbestehen des jüdischen Unglaubens. Ausschließlich in seinem Evangelium wird die Grabstätte Christi von Soldaten bewacht, als vorbeugende Maßnahme gegen einen möglichen Diebstahl der Leiche zwecks Vortäuschung einer Auferstehung! Diese Maßnahme läuft jedoch gründlich ins Leere! "....denn ein Engel des Herrn stieg von Himmel herab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Sein Aussehen war wie ein Blitz, und sein Gewand war weiß wie Schnee. Aus Furcht vor ihm erbebten die Wächter und waren wie tot (MT 28, 1-4)".  Der anschließende Augenzeugen-Bericht der Wachen an die Hohepriester schindet erstaunlich wenig Eindruck! Sie erhalten Schweigegeld, verbunden mit der Weisung, fälschlich zu behaupten, die Jünger Jesu hätten sich die Leiche unter den Nagel gerissen, während sie (die Wachen) den Schlaf der Gerechten hielten!

"...Die nahmen das Geld und taten, wie man sie angeleitet hatte. So verbreitete sich dieses Gerede unter den Juden bis auf den heutigen Tag"
(MT 28,15).

  Benehmen sich so wirklich Leute (die damaligen Juden allgemein), die kurz davor Sonnenfinsternis, Erdbeben und auferweckte Tote (in Jerusalem - im Anschluss an die Kreuzigung) gesehen haben und folglich von der Identität des "Gottessohnes" hätten überzeugt sein müssen?!

Man sollte sich auch die Situation der Wachmannschaft vergegenwärtigen: Auf ihnen lastet - sollte Matthäus die Wahrheit schreiben- nicht nur der psychologische Druck, wider besseren Wissens ein Wunder zu leugnen. Ihre schläfrige Inkompetenz hätte vermutlich dramatische, vielleicht tödliche dienstrechtliche Folgen für sie gehabt. Ferner stellt sich die Frage warum sie als Angehörige der Besatzungsmacht ausgerechnet gegenüber den jüdischen Hohepriestern Meldung machen sollten?! Ihr regulärer Befehlshaber wäre der weitaus passendere Ansprechpartner! Und der Hinweis auf ein übernatürliches Ereignis wäre für sie zudem eine bessere Schutzbehauptung als ein gesteigertes Schlafbedürfnis zur Unzeit! Insofern hätten allgemeine Gerüchte über eine Auferstehung ihr Alibi stärker gewichtet!

 

Begegnungen nach der Auferstehung

 In den vier anerkannten Evangelien (vielleicht auch in den anderen?) besteht Einigkeit darüber, dass er zunächst Frauen erschienen ist. Ungeachtet einer leicht abweichenden personellen Zusammensetzung zwischen den Evangelien war jedenfalls Maria Magdalena immer dabei, im Johannes-Evangelium kam sie allein zum Grab. Als "Empfangskomitee" am Grab ist wahlweise von einem Engel (Mattäus), einem Jüngling (Markus) von zwei Männern (Lukas) die am Rande bemerkt in einer späteren Erwähnung nachträglich zu Engeln gemacht werden, oder sogar von Niemandem (Johannes) die Rede. Bei Johannes begibt sich Maria Magdalena allerdings auch zweimal zum Grab und wird beim Zweiten Besuch schließlich gebührend von zwei Engeln empfangen. Den eindrucksvollsten Auftritt hatte der Engel bei Matthäus! Unter Zeugenschaft von Maria Magdalena und ihren Begleiterinnen wälzt der Engel dort den vor die Grabhöhle gerollten Stein hinweg und lehrt den ebenfalls anwesenden Wachsoldaten das Fürchten. In den anderen Evangelien hingegen sitzt oder sitzen der oder die Engel (bzw. der oder die weiß gekleideten Männer) passiv wartend in der bereits geöffneten Grabeshöhle.

Bei den Evangelisten Markus und Lukas erscheint Jesus -ehe er sich einer größeren Gruppe an Jüngern in Jerusalem zeigt - zunächst zwei Jüngern, die sich auf einem Fußmarsch (laut Lukas nach Emmaus) befinden. Diese erkennen ihn erstaunlicher Weise jedoch nicht, sei es weil er "in fremder Gestalt" (Markus) an sie herantritt oder weil "ihre Augen gehalten waren" (Lukas). Am Rande bemerkt erkennt ihn auch Maria Magdalena im Johannes-Evangelium am offenen Grabe zunächst nicht, sondern hält ihn für den Gärtner! Er verwickelt also die Jünger in beiden Berichten über den Fußmarsch nach Emmaus in einen theologischen Diskurs, indem er ihnen klarmacht, dass der Mann, der in Jerusalem gekreuzigt wurde, in den heiligen Schriften (Psalmen, Propheten-Texten) bereits nachhaltig erwähnt wird bzw. sich ebendiese Texte vorausgreifend auf diesen Mann beziehen. Erst als sie am Ziel ihres gemeinsamen Weges eine Mahlzeit einnehmen, erkennen ihn die Jünger als ihren Meister, und zwar ausgerechnet als bzw. an der Art wie er das Brot segnete und brach (nicht etwa an seinem Gesicht, seiner Frisur, seiner Wundmale o.ä.)! Jesus war eigentlich kein großer Theokrat oder Theologe! Er hatte ein Reportie an Gleichnissen und nahm manchmal sporadisch Bezug auf die Schriften. Es wird aber niemals erwähnt das er je etwas aufschrieb oder mit seinen Jüngern "Bibelstunden" abhielt! Warum versucht er seinen Status als Gottessohn theologisch unter Auslegung von Schriften zu untermauern? Ist etwa die Auferstehung von den Toten ein schwächeres Indiz als Psalmen und Prophetentexte?! Und warum erzählt er das den zwei Jüngern (bzw. im Lukas-Evangelium später auch den anderen Jüngern)? Wäre es nicht zweckmäßiger gewesen, eben doch noch einmal vor die Hohenpriester zu treten, um ihnen nun aus einer spektakulär überlegenen Position heraus eine Nachhilfe-Stunde in Schriftauslegung zu verpassen?! Der latente jüdisch-christliche Konflikt der folgenden Jahrtausende wäre hinfällig gewesen, denn wer würde wohl die Ausführungen eines leibhaftig Auferstandenen anfechten wollen? An diesen Stellen der Evangelien tritt wahrscheinlich die Intention der Verfasser deutlich zutage, die ihrem "Titelhelden" ihre eigenen Worte in den Mund legen?!

Markus schildert das anschließende Meeting mit den verängstigten und sich in Jerusalem versteckenden Jüngern besonders markant, da ihnen Jesus hier neben dem Missionsauftrag noch ungewöhnlich vollmundige Versprechungen mit auf den Weg gibt! "...Als Zeichen aber werden denen, die glauben, diese nebenhergehen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, mit neuen Zungen reden, Schlangen aufheben, und wenn sie etwas tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden. Kranken werden sie die Hände auflegen, und diese werden gesund werden" (MK 16,17-18).

 

UMSTÄNDE DER ENTSTEHUNG UND VERBREITUNG DER EVANGELIEN

Um die ungeheure Popularität und Verbreitungs-Geschwindigkeit der Evangelien  verstehen zu können, müssen wir einen Blick auf die historischen Rahmenbedingungen zur Zeit ihrer Entstehung werfen. Palästina wurde von den Römern unterjocht und hatte keinerlei Chance die verhasste Fremdherrschaft abzuschütteln. Es herrschte Endzeitstimmung so weit das Auge reichte. Die Leute waren überwiegend ungebildet, hatten keine Ahnung davon, dass ihr Lebensraum nur einen Teil der gesamten Welt und ihr Konflikt nur eine Fußnote der Weltgeschichte darstellt. Leute vom Schlage Jesus gab es zuhauf! Wetternde Propheten, Verkünder von Apokalypsen, Hysteriker und "Erleuchtete"! Viele Juden erwarteten den Endkampf der guten und bösen Mächte. Ihre alten religiösen Schriften, die zum erheblichen Teil Einzug in das "Alte Testament" der Bibel fanden, deklarieren sie zum "auserwählten Volk" Gottes. Die römische Dominanz passt denkbar schlecht zu diesem Bild! Die Irritation, die Verzweiflung und der Unmut des Einzelnen müssen furchtbar gewesen sein und jeder Prediger, der etwas von der nahenden göttlichen Gerechtigkeit zu berichten wusste, wurde willig als Sendbote des Himmels wahrgenommen!

 

 DARSTELLUNGSFORM DER EVANGELIEN

Die Evangelien erscheinen uns auch heute noch spektakulär und viele sind fassungslos, wie sich die Glaubwürdigkeit solcher Berichte bis in die Gegenwart erhalten konnte bzw. erachten sie genau deshalb als glaubwürdig, weil die Menschheit ja schließlich schon 2 Jahrtausende an ihnen festhält!

Jungfrauengeburt, Gotteszeugung, Brotvermehrung, wundersame Heilungen und Auferstehung nach erlittenem Kreuzestod-  wer kann da dagegenhalten fragt man sich!

Tatsächlich aber bewegen sich die Evangelisten in einer für antike Verhältnisse durchaus eher "normalen" Darstellung und Polemik! Viele antike Helden wurden in ebensolcher Ernsthaftigkeit, unter ebensolcher Voreingenommenheit und Überzeugung der Verfasser mit keineswegs geringeren Fähigkeiten ausgeschmückt!  Auch sie stammen teilweise von Göttern ab, werden von Jungfrauen geboren und auch sie erstehen bisweilen von den Toten auf!

Platon etwa wird vom Gott Apollon gezeugt, das Jungfernhäutchen seiner Mutter ist nach seiner Geburt intakt! Empedokles erweckt einen Verstorbenen wieder zum Leben, Anaxagoras sieht in die Zukunft und Pythagoras erhebt sich ebenfalls von den Toten (wofür er sich allerdings 207 Jahre Zeit läßt und somit den Schnelligkeits-Rekord von Jesus nicht gefährdet)! 

Man sollte den Evangelisten aber nichts Böses unterstellen! Man muss durchaus davon ausgehen, dass sie in uneingeschränkter Vereinnahmung und Überzeugung von den ihnen mündlich zugetragenen Geschichten gehandelt haben und nicht vorsätzlich Mythen über Jesus erzeugten!

 

DIE EVANGELIEN HEUTE

Wir sind es gewohnt, zwischen Berichten über antike Gottheiten, Helden und Philosophen einerseits, und biblischen Berichten (insbesondere den Evangelien) andrerseits rigoros zu unterscheiden! Erstere betrachten wir wie fiktive "Raumschiff Enterprise" - Episoden,während Zweitere bisweilen durchaus den Eindrudk von Authenzität erwecken, vergleichbar einem im Dokumentationsstil gedrehten Kriegsfilm, der im zweiten Weltkrieg handelt! Dabei waren es durchaus "gewöhnliche" geschichtlich-kulturelle Ursachen, die aus den einen Fabeln und aus den anderen zumindest "geglaubte" Wahrheiten werden ließen! Die christlichen Erzählungen traten einen Siegeszug an, der sich über Gruppen, Staaten, Nationen und Weltreiche ausdehnte! Gewisse historische Ereignisse und Rahmenbedingungen begünstigten und beflügelten diese Entwicklung. 

Die sehr lange Tradition der evangelischen Geschichten hält die Menschheit auch weiterhin in ihrem Bann. Versuchen wir uns etwa einmal den spanischen Stierkampf entkoppelt von seiner Tradition vorzustellen - da würde jeder nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen (was erfreulicher Weise auch zunehmend geschieht)! Dabei ist der Mythos um die Person Jesus (der zumindest als sterblicher Mensch sehr wohl existiert haben dürfte) mitnichten in sich derart geschlossen wie man allgemein annimmt! Über Jahrhunderte hinweg wurde an den Evangelien mancherlei kopiert, gekürzt, weggelassen oder verdreht- mit und ohne Vorsatz! Beim Versuch, eine stimmige Geschichte aus den Überlieferungen herauszubilden, mussten harte Konsequenzen gezogen werden! In Bezug auf die Evangelien wurden manche für echt erklärt, andere willkürlich ausgesondert! Sie zählen zu den sog. "Apokryphen", den inoffiziellen Büchern. Die Berücksichtigung ihrer Inhalte würde die Konstruktion eines schlüssigen Gesamtbildes zu sehr behindern, wenn gar unmöglich machen!

 Aber auch innerhalb der offiziellen, der "synoptischen" Evangelien besteht kein wirklicher Mangel an Widersprüchen und Ungereimtheiten. Ferner sind die Evangelien teilweise voneinander abgeschrieben! Lukas und Matthäus verfassten ihre Schriften unabhängig voneinander zu einem späteren Zeitpunkt auf Basis des bereits vorhandenen Markus-Evangeliums und unter Einbeziehung zusätzlicher Überlieferungen!

 

"BRUDERKRIEG DER JESUS - JÜNGER"

 

".....Seht, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt". (MT 28,20)

Wenn wir uns die frühe Apostelgeschichte ansehen, merken wir schnell, dass sich Jesu Jünger trotz solcher Versprechungen und der ausdrücklichen Zusicherung von Hilfe seintens des Heiligen Geistes mit nicht wenigen Zweifeln allein gelassen fühlten! So konnte etwa die Frage, ob sich der Missionsauftrag nun ausschließlich auf die Juden oder ebenso auf die Heiden beziehen sollte, nicht ohne Weiteres beantwortet werden!  Matthäus-Evangelium heißt es hierzu einmal: "...Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet nicht eine Stadt der Samariter, geht vielmehr zu den verlorenen Söhnen Israels" (MT 10,5-6)
 und ein anderes Mal hingegen
"... Geht darum hin und macht alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes..."(MT 28,19)

Bei Markus heißt es sogar noch weitreichender: "..Geht hin in alle Welt und verkündet das Evangelium aller Kreatur!" (MK 16,15)

Wenn der Verfasser (oder Jesus - falls er richtig verstanden und zitiert wurde) diesen Satz nicht bewusst polemisch überspitzt, könnte man hieraus eine Auffoderung ableiten, selbst nichtmenschlichen Lebensformen die Heilsbotschaft zu verkünden (was angesichts fehlender höherer Bewusstseins-Funktionen und Sprachfähigkeit von Tieren nicht sehr zweckmäßig sein dürfte)?!

 

Auch die Frage, ob bzw. in welchem Maße sich Jesus im Einklang bzw. im Widerspruch zu den traditionellen jüdischen Gesetzen befand und welche Konsequenzen sich hieraus für die Jüngerschaft zu ergeben haben, war schwer zu klären! In direktem Zusammenhang damit ist auch der Tod des ersten christlichen Märtyrers zu sehen! Stephanus war ein Jünger und Zeitgenosse Jesu! Er versuchte als einer der ersten Diakone die Spannungen zwischen den aramäisch- und den griechischsprachigen Judenchristen der Urgemeinde zu glätten. Diese drehten sich u.a. um die Streitfrage, ob und in welchem Umfang der Einsatz in Lehre und Predigt zugunsten einer stärkeren Fürsorgeleistung für Arme, Witwen und Waisen ggf. vernachlässigt werden darf. Im Zuge seiner Schlichtungsversuche erregte Stephanus auch die Aufmerksamkeit und den Zorn des jüdischen hohen Rates, dem Inhalte seiner Reden zugetragen wurden. Auch Stehpanus identifizierte Jesus mit dem Erlöser-Messias, den die Juden erwarten. Diese Gotteslästerung brachte ihm den Tod durch Steinigung.

 

Quellen für Inspiration und Information dieser Themenseite waren:

"DAS BIBELRÄTSEL" von Hans-Christian Huf (Econ Verlag)

"WIR BRAUCHEN KEINEN GOTT" von Michel Onfray (Piper Verlag).

 

 

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